Anzengruber: "Blackout wäre Riesenkatastrophe"

Interview19. Juni 2014, 17:53
114 Postings

Verwerfungen auf den Energiemärkten machen Stromausfälle wahrscheinlicher, glaubt Verbund-Chef Anzengruber

STANDARD: Gaskraftwerke sollten eine Brückentechnologie sein, um den Übergang von einer auf fossilen Brennstoffen fußenden Stromerzeugung auf erneuerbare Energieträger in Europa zu bewerkstelligen. Die Pfeiler wackeln gewaltig?

Wolfgang Anzengruber: Tatsächlich läuft da einiges schief. Das übergeordnete Ziel heißt Dekarbonisierung. Die Gasverstromung spielt dabei eine wichtige Rolle, weil sie wesentliche Vorteile hat. Erstens ist sie im Hinblick auf den CO2-Ausstoß die beste fossile Technologie mit etwa der Hälfte der spezifischen Emissionen von Kohle. Zweitens kann man sie dort bauen, wo man den Strom braucht. Zudem können Gaskraftwerke relativ rasch errichtet werden, sind grundlastfähig und auch regelbar.

STANDARD: Sie haben die Brücke gesperrt, motten das Kraftwerk Mellach und zwei weitere in Frankreich ein. Aus Angst, abzustürzen?

Anzengruber: Nein, sondern weil durch die Verzerrungen am Markt CO2 keinen Preis hat und somit kein Steuerungselement in der Energieerzeugung mehr ist. Außerdem ist Gas im Vergleich zur Kohle derzeit viel zu teuer. Die nächsten paar Jahre sehen wir keine Chance, Gaskraftwerke wirtschaftlich zu betreiben.

STANDARD: Wollen Sie bewusst einen Blackout provozieren, zumal sie auch das Kohlekraftwerk Dürnrohr und den mit Öl befeuerten Block in Mellach schließen?

Anzengruber: Nein, das wäre eine Riesenkatastrophe für die gesamte Wirtschaft. Das ist das Letzte was wir wollen.

STANDARD: Seit Jahren warnt die Branche vor breitflächigen Stromausfällen, passiert nichts?

Anzengruber: Seien wir froh. Eines muss man aber sehen: Das Eis, auf dem wir gehen, wird dünner. Die Eingriffe ins System haben dramatisch zugenommen. Mussten wir vor Jahren hundertmal eingreifen, ist es jetzt tausendmal im Jahr.

STANDARD: In der Argumentation würde ein Blackout doch nützen?

Anzengruber: Das glaube ich nicht, die Probleme lassen sich nicht darauf reduzieren. Es ist die Preissituation, die nicht passt. Wir haben einen historisch niedrigen Großhandelspreis für Strom, damit ist der wirtschaftliche Einsatz dieser Kraftwerke in weiten Teilen Europas nicht möglich. Solange sich daran nichts ändert, nehmen wir die Gaskraftwerke aus dem Markt. Wir gehen davon aus, dass in vier Jahren Signale vom Markt kommen, die ein Entmotten rechtfertigen.

STANDARD: Müssen Sie für das Gas, das sie geordert haben und nicht brauchen, zahlen?

Anzengruber: Im Mai des Vorjahres haben wir das gestoppt, wir zahlen kein Gas und nehmen auch keines. Jetzt warten wir auf den Ausgang des Verfahrens, das wir gegen Econgas wegen kartellähnlichen Verhaltens angestrengt haben.

STANDARD: Gutes Gefühl?

Anzengruber: Sogar ein sehr gutes. Sonst hätten wir das nicht gemacht. Als die Langfristverträge mit den Take-or-Pay-Klauseln abgeschlossen wurden, gab es eine Oligopolsituation am Markt und wir gehen davon aus, dass das endgültig aufgehoben wird.

STANDARD: Hat der Verbund als ein mehrheitlich in Staatsbesitz befindliches Unternehmen nicht auch eine volkswirtschaftliche Verantwortung – Stichwort Versorgungssicherheit?

Anzengruber: Per Gesetz nicht. Wir sind eine ganz normale Aktiengesellschaft, die Zeit, wo der Verbund der Bundeslastverteiler war, sind lange vorbei.

STANDARD: Wäre es nicht besser, wenn sich der Staat mehr zurücknähme?

Anzengruber: Aus Erfahrung auch in anderen Unternehmen kann ich sagen, dass wir mit der Republik Österreich, vertreten durch den Wirtschaftsminister, einen sehr sauberen und ordentlichen Eigentümer haben. Es hat nie Druck gegeben, etwas zu tun, was außerhalb einer Aktiengesellschaft wäre.

STANDARD: Auch nicht, was die Dividendenzahlung betrifft?

Anzengruber: Auch das nicht. Wir haben immer gesagt, etwa 50 Prozent unseres Nettogewinns schütten wir aus. Auch voriges Jahr haben wir angekündigt, eine Sonderdividende zu zahlen, wenn es den Asset-Swap in der Türkei gibt. So ist es zu dem einen Euro Gesamtdividende gekommen. Ob es nun 50 oder 55 Prozent sind – das ist kein Abweichen von der Linie.

STANDARD: Rückt durch den Leidensdruck der Branche eine österreichische Stromlösung wieder näher?

Anzengruber: Durch einen Zusammenschluss würde das Problem auf der Erzeugungsseite nicht kleiner. Bei Instandhaltung und auf der Betriebsseite könnte man einige Synergien heben, die sind aber nicht wirklich groß. Die Netze sind ein regulierter Bereich, da kann es Potenzial geben. Als Verbund spielen wir da nicht mit, weil wir nur im Übertragungsbereich tätig sind, da betreiben wir sowieso das ganze Netz. Und im Vertrieb würde ich das sowieso nicht machen, das wäre schlecht für den Markt. Da braucht man Wettbewerb.

STANDARD: Bedauern Sie, dass der noch vor ihrer Zeit versuchte Zusammenschluss von Verbund und OMV misslungen ist?

Anzengruber: Das war eine andere Zeit. Die Großhandelspreise lagen 2006/07 bei 70/75 Euro die MWh mit den Prognosen Richtung 100 Euro. Da war die Logik noch größer, zu sagen, eine Allianz mit einem Upstream-Partner wie OMV macht Sinn, weil mit dem Umstieg auf Gas die Dekarbonisierung wirtschaftlich vertretbar vorangetrieben werden kann. Heute wäre es eher eine Belastung für uns, wenn wir in dieser Struktur wären.

STANDARD: Wie will sich der Verbund wappnen, dass nicht Branchenfremde mittelfristig das Stromgeschäft übernehmen?

Anzengruber: Damit befassen wir uns intensiv. Das alte Geschäftsmodell ist nicht mehr tragfähig, es verliert in Summe an Gewicht. Es geht stark in Richtung energienahe Dienstleistungen, auch weil ein Bedarf nach mehr Flexibilität entstanden ist. Deshalb haben wir Verbund Solution als eigene Einheit gegründet, die sich spezifisch mit energienahen Dienstleistungen befasst. Da geht es um Contracting, Flexibilitätsmanagement, Elektromobilität.

STANDARD: Ist da was zu holen?

Anzengruber: Laut einer Studie wird in der EU mit einem Ertragspotenzial von etwa zehn Milliarden Euro bis 2020 gerechnet. Das ist keine g'mahde Wies'n, da gibt es Konkurrenz – von der Industrie, von anderen Dienstleistern, von der IT-Seite. Wir müssen versuchen, in vernünftigen Kooperationen mit diesen daran teilzuhaben, um einen Teil des Zehn-Milliarden-Kuchens für uns zu nutzen.

STANDARD: Bei den Investitionen sind sie scharf auf die Bremse gestiegen. Wie lange können sie das durchhalten?

Anzengruber: Diese Wellen gab es immer. Zwischen 2000 und 2005 haben wir keine 100 Millionen pro Jahr in Anlagen investiert, die letzten fünf, sechs Jahre waren es jeweils 600 bis 700 Millionen. In diesen Zyklen bewegt sich die Branche. Nach der Bauzeit folgt jetzt eine baureduzierte Zeit.

STANDARD: Sollte Brüssel mehr Kompetenzen in Sachen Energie erhalten?

Anzengruber: Ja. Mehr Kompetenzen an Brüssel abtreten wäre für das Gesamtsystem und auch für den Wirtschaftsstandort förderlich. Da muss es mittelfristig auch hin. Denn nationale, kleine Märkte haben immer einen Nachteil: Die Preise steigen.

STANDARD: Beim geplanten Energieeffizienzgesetz ist die Hauptrolle für die Energiewirtschaft reserviert. Zufrieden?

Anzengruber: Energieeffizienz ist gut, aber der Ansatz ist falsch. Ohne Mithilfe der Konsumenten wird man das Problem nicht in den Griff bekommen.

STANDARD: Wie sollte man es dann machen?

Anzengruber: Das sinnvollste wäre ein Fonds, gespeist aus Geldern pro verkaufter Einheit Energie. Damit könnten Energieeffizienzmaßnahmen finanziert werden. Wenn man dann noch eine Co-Finanzierung vorschreibt, hat man zwei Vorteile: Es mündet in wirklich vernünftige Maßnahmen, weil der Einzelne mitzahlen muss.

STANDARD: Und was noch?

Anzengruber: Es könnte sich eine eigene Branche etablieren, die sich auf Energieeffizienz spezialisiert. Ein Rechenbeispiel: Es gibt in Österreich schon eine Energieabgabe von 1,5 Cent je KWh, auf die nochmals 20 Prozent Umsatzsteuer kommen. Wenn man nur diese 20 Prozent nimmt, hat man etwa 180 Millionen Euro pro Jahr bei der Hand. Wenn man damit eine Co-Finanzierung von 25 Prozent macht, hat man 600 bis 700 Millionen. Damit könnte man wirklich Projekte anstoßen

STANDARD: Rechnen Sie damit, dass aus dem Gesetz etwas wird? Es erfordert eine Zweidrittelmehrheit.

Anzengruber: Ich weiß nicht, warum man so auf ein Gesetz drängt. Österreich ist da ziemlich alleine in Europa. Deutschland setzt auf strategische Maßnahmen. Wenn man in Österreich schon kein Fondsmodell will, was ich nicht verstehe, wären strategische Maßnahmen allemal besser. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht wieder Nachteile gegenüber Deutschland einhandeln. (Günther Strobl, DER STANDARD, 20.6.2014)


Wolfgang Anzengruber (58) ist seit 2009 Vorstandschef von Österreichs führendem Stromerzeuger, der Verbund AG. Der gebürtige Oberösterreicher ist verheiratet und Vater von drei Töchtern.

  • Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber beim Betanken eines Elektroautos. Elektromobilität soll als neues Geschäftsfeld von Österreichs größtem Stromkonzern forciert werden. 
    foto: verbund/konrad lagger

    Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber beim Betanken eines Elektroautos. Elektromobilität soll als neues Geschäftsfeld von Österreichs größtem Stromkonzern forciert werden. 

Share if you care.