Rettung nach Plan: Verletzter Höhlenforscher geborgen

19. Juni 2014, 11:58
790 Postings

Hilfsaktion dauerte zwölf Tage und verlief zügiger als vorerst erwartet - Johann W. im Krankenhaus - Höhle soll verschlossen werden

Der schwer verletzte Höhlenforscher Johann W. ist aus der Tiefe gerettet. Helfer trugen ihn am Donnerstag um 11.44 Uhr aus der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden, wie die Bergwacht mitteilte. Der Mann wurde sogleich notfallmedizinisch versorgt.

Er hat die Strapazen seiner langen Rettung relativ gut überstanden. Der 52-Jährige sei "wohlbehalten in der Klinik eingetroffen", sagte am Donnerstag Norbert Heiland, der Vorsitzende der Bergwacht Bayern. "Damit haben wir das wesentliche Ziel unserer Rettungsaktion erreicht."

"Mammut-Aufgabe"

Gegen Mittag hatten Helfer den verletzten Forscher ans Tageslicht gebracht. "Es war eine Mammut-Aufgabe", sagte Bergwacht-Einsatzleiter Klemens Reindl nach der erfolgreichen Rettungsaktion, die mehr als elf Tage nach dem Unfall zu Ende gegangen ist. W. wurde mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen.

Nach dem langen Bangen ist der Arbeitgeber des Höhlenforschers froh über die Rettung des Verletzten. "Wir sind sehr erleichtert und glücklich", erklärte der Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) am Donnerstag. Der Dank des Forschungszentrums gelte der Bergwacht Bayern und den vielen Helfern vor Ort. W. arbeitet als Techniker am Institut für Angewandte Physik des KIT, der Höhlenforschung ging er in seiner Freizeit nach.

Sechstägiger Transport

Ursprünglich war die Ankunft W.s an der Oberfläche für die Nacht oder den Donnerstagmorgen erwartet worden. Transporttrupps mit dem Verunglückten waren  bereits seit fast sechs Tagen unterwegs. Die letzte Passage bestand aus mehreren senkrecht aufragenden Schächten, durch die der Verletzte nach oben gezogen werden mussze. Der längste von ihnen war laut Bergwacht 180 Meter hoch.

W. hatte am Pfingstsonntag bei einem Steinschlag in 1.000 Metern Tiefe ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten.

Höhle soll geschlossen werden

Aus Sorge vor einem gefährlichen Tourismus Neugieriger nach der Rettungsaktion an der Riesending-Höhle will Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) nun deren Eingang verschließen lassen. "Technisch ist es einfach und rechtlich halte ich es angesichts der extremen Gefahren, die damit verbunden sind, für geboten", sagte Herrmann am Donnerstag in Berchtesgaden.

Er fürchte, dass mancher, nicht nur in Deutschland, sondern europaweit auf die Idee komme: "Das muss ich mir jetzt anschauen, was da los war. Das führt dazu, dass Leute in die Höhle einsteigen, die überhaupt nicht die Fähigkeit haben. Dem vorzubeugen halte ich für absolut notwendig." Der Minister dankte den Rettern und lobte die "vorbildliche internationale Solidarität", die die Rettung des Höhlenforschers Johann W. möglich gemacht hatte.  (APA, 19.6.2014)

Chronologie: Die lange Rettung des Höhlenforschers

Es war eine beispiellose Rettungsaktion, an der rund 200 Helfer beteiligt waren: Fast eine Woche lang transportierten Helfer den schwer verletzten Höhlenforscher Johann W. aus der tiefsten und längsten Höhle Deutschlands in Richtung Oberfläche. Die dramatischen Ereignisse im Überblick:

7. Juni: Ein dreiköpfiges Team von Forschern, darunter der 52-jährige W., steigt in die fast 1.100 Meter tiefe Riesending-Schachthöhle in den Berchtesgadener Alpen. Seit 2002 erforscht der aus Karlsruhe stammende W. die unterirdischen Gänge, die er teils selbst entdeckt hat.

8. Juni: Gegen 1.30 Uhr kommt es zu einem Steinschlag, bei dem W. an Kopf und Oberkörper verletzt wird. Er erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma. Ein Kollege beginnt einen zwölfstündigen Aufstieg, um Hilfe zu holen.

9. Juni: Vier Bergretter erreichen erstmals das Lager des Verletzten. W. sei ansprechbar, "aber es geht ihm nicht gut", berichtet die Bergwacht. Ein Arzt, der zu dem Verletzten aufbricht, muss aufgeben.

10. Juni: Vier Schweizer, die auf die Rettung aus Schächten spezialisiert sind, erreichen W. Ein österreichischer Arzt macht sich mit drei Bergrettern auf den Weg in die Tiefe. Ein erster Lichtblick: Dem Verletzten gehe es wohl besser als zunächst vermutet, heißt es.

11. Juni: Ein weiterer Mediziner steigt zu W. hinab, am Nachmittag erreicht der Österreicher den Verletzten.

12. Juni: Der zweite Arzt trifft ein. Die Mediziner entscheiden: der Patient kann transportiert werden.

13. Juni: Nach fünf Tagen beginnt am späten Nachmittag der Transport des Verletzten auf einer Trage.

14. Juni: Das Rettungsteam schafft die erste Etappe und erreicht gegen 4.00 Uhr Biwak 5, den ersten Rastplatz.

15. Juni: Die Helfer bewältigen die "Lange Gerade", die etwa 900 Meter unter der Oberfläche Hunderte Meter fast waagerecht durch den Berg führt. Der Trupp erreicht Biwak 4. Nun beginnt der schwierige Teil: Der Trupp muss W. an der mitunter senkrecht nach oben führenden Wand in die Höhe ziehen.

16. Juni: Das Team erreicht das dritte Lager in rund 700 Metern Tiefe. Nach einigen Stunden Pause geht es weiter.

17. Juni: Die Rettung geht rascher voran als erwartet. Die Einsatzkräfte erreichen mit W. am Morgen Biwak 2 in rund 500 Metern Tiefe. Etwa 15 Mann sind mit dem Verletzten unterwegs, Dutzende andere bauen den Weg aus.

18. Juni: Am Morgen kommt der Trupp am Biwak 1 an.

19. Juni: Die erlösende Nachricht: W. und seine Retter haben um 11.44 Uhr den Höhlenausgang erreicht - gut 274 Stunden nach dem Unfall.

  • Johann W. wurde gerettet.
    foto: nicolas armer/dpa

    Johann W. wurde gerettet.

  • Artikelbild
    grafik: apa
  • Am 8. Juni erlitt der Höhlenforscher ein Schädel-Hirn-Trauma. Seither lief die Rettungsaktion.
    foto: ap/nicolas amer

    Am 8. Juni erlitt der Höhlenforscher ein Schädel-Hirn-Trauma. Seither lief die Rettungsaktion.

  • Die Retter bereiten sich auf die Ankunft des Patienten vor.
    foto: ap/nicolas armer

    Die Retter bereiten sich auf die Ankunft des Patienten vor.

Share if you care.