Jetzt ist endlich Mathe dran!

Blog19. Juni 2014, 10:00
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Reflexionen von einem Tag, an dem eine Boa vom Himmel fiel

Jetzt endlich ist Mathe dran! Genauer gesagt die Matheprüfung. Viele Leserinnen, Leser und geschätzte Mit-Trolle fiebern seit Monaten der Frage nach, wie denn meine Mathematikergebnisse aussehen. Exkurse zum Nachbarn und der Lärmbelästigung durch ihn – sie schätzen sie nicht. Auch vergleichende Blicke in andere Länder wie die Schweiz oder Spanien – sie können ihnen gestohlen bleiben. Ein kleiner Spaziergang über den neuen Wiener WU-Campus, um einmal zu sehen, wie die dort studieren – was für eine Zeitverschwendung, Alter!

Es allen recht machen

Jetzt ist endlich Mathe dran! Natürlich gibt es zur Mathevorlesung viel zu erzählen, auch zu den Softwarearchitekturen zum Beispiel. Aber ich frage mich als Journalistin, ob das für mehr Menschen als eine Handvoll Expertinnen und Experten interessant ist. Ich glaube nicht. Da kommt einfach die Generalistin in mir durch. Für Spezialisten zu schreiben interessiert mich nicht die Bohne. Dafür gibt es Fachmagazine und Foren. Mein Zielpublikum sind möglichst alle: solche, die schon studiert haben, ein Studium erwägen, kein Geld dafür haben oder sich aus anderen Gründen dagegen entscheiden. Ich schreibe für die Eltern von Studierenden, ihre Kinder, für Alleinerziehende und für alle, die sich für Bildung interessieren und für lebenslanges Lernen. So. Aber geht das überhaupt, es allen recht machen? Nein.

Jetzt endlich ist Mathe dran! Ich schreibe ja schließlich auch für meine Mitstudierenden oder Kommilitonen, wie das auf Neudeutsch heißt. Ich möchte mich an dieser Stelle einmal bei ihnen bedanken: Sie haben mich unglaublich inspiriert! Mit ihrer Jugend, mit ihrer Desorientiertheit, mit ihrer Unerschrockenheit, mit ihrer Verschwitztheit, mit ihrer Verlegenheit, mit ihrer Unschuld, mit ihrer Neugier, mit ihrer Professionalität. Nach vier Semestern am Institut für Informatik kann ich sagen: diese 19-, 20-, 21-Jährigen können viel mehr, als wir am Beginn unseres Studiums vor 25 Jahren konnten – und können mussten.

Platsch!

Sie haben meinen Blick auf die Medienlandschaft und ihre Rezeption komplett verändert. In all den Tagen an der Uni habe ich ein einziges Mal einen jungen Mann eine gedruckte Tageszeitung lesen sehen. Was bedeutet das für unsere Branche, und was bedeutet das für meinen Job als Journalistin? Wird es den in 20 Jahren überhaupt noch geben? In der Form, wie ich ihn noch vor vier Jahren ausgeübt habe, sicher nicht. Das ist aber kein Grund für Pessimismus. Im Gegenteil! Wer kann schon von sich behaupten, er arbeite in einer Branche, die sich völlig neu erfinden muss – und darf.

Jetzt ist endlich Mathe dran! Platsch! Als ich letztens an die Uni in die Mathevorlesung radeln wollte, ist neben mir eine Schlange vom Himmel gefallen. "Platsch" deswegen, weil es eine ziemlich große Schlange war. Eine Boa constrictor, wie die Tierrettung später festgestellt hat. Und das mitten im zweiten Wiener Gemeindebezirk. (Tanja Paar, derStandard.at, 19.6.2014)

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