Tauchgang-Arten: Was man unter Wasser erleben kann

19. Juni 2014, 12:42
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Was verleitet Menschen dazu, ihr Glück unter Wasser zu suchen? Vier Erfahrungen in puncto Tauchen

Italo-Kraken befördern

Man sitzt auf der Gartenbank, blickt so in die Botanik, denkt sich: "Voll krass das alles", und plötzlich geht ein Oktopus über die Straße. Was sich zunächst anhört wie der ideale Zeitpunkt, um Arzt oder Apotheker aufzusuchen, entpuppt sich als reale Begebenheit. So geschehen im August 2003 in Baia, westlich von Neapel.

foto: epa/rungroj yongrit

Einst war Baia die zu Pompeji gehörende Hafenstadt, in der die Aristokratie zu Hause war. Römische Kaiser und der Dichtkunst überdrüssige Zeitgenossen wie etwa Cicero oder Horaz weilten hier zeitweilig. Kanalisation, mosaikbestückte Straßen und prächtige Wohnhäuser zeugen von diesem Erbe. Heute liegt die halbe Stadt unter Wasser. Vertikale Bewegungen der Landmasse, eine Folge vulkanischer Aktivität, sorgten dafür, dass Teile des antiken Baiae um 300 nach Christus abrutschten und seitdem fünf bis zehn Meter unter der Wasseroberfläche liegen.

Nennen wir ihn Otto

Zurück zum verkehrserprobten Achtfüßler, nennen wir ihn Otto. Während ich da also auf der steinernen Gartenbank sitze, fünf Millimeter Neopren auf der Haut, Pressluftflasche am Rücken, hantelt sich der kleine, freche Kerl mit seinen viel zu vielen Gliedmaßen von Mosaiksteinchen zu Mosaiksteinchen über jene Straße, auf der einst, wer weiß, Caligula oder Nero zu ihren Villen kutschiert wurden.

Nichts wie hin. Schon saugt sich Otto auf meiner Hand fest, lässt nicht mehr los und benützt mich die kommenden 30 Minuten als Expresstaxi. Er will von der Villa Protiro vorbei an Gartenmauern und algenbewachsenen römischen Jünglingen hinein in ein Gehöft, das zuletzt vor 1700 Jahren von römischen Sandalen betreten wurde.

Zum Abschied sprüht mir Otto, "pff-pff", ich weiß nicht, wie ich das deuten soll, ein Portiönchen Tinte ins Gesicht. So ein Benehmen hätte es unterm Kaiser nicht gegeben! (Wojciech Czaja, Rondo, DER STANDARD, 20.06.2014)


Kreol-Muränen meiden

Im Grunde hätte ich es wissen müssen: Kontemplativ unter dem Meeresspiegel herumgrundeln, ruhig atmen, Klappe halten, das Schaukeln der Wellen genießen und Muränen betrachten - das ist nichts für mich. Trotzdem buchte ich irgendwann in einem früheren Leben auf der Trauminsel La Réunion, mitten im Indischen Ozean, einen "billigen" Tauchkurs. Es war der totale Reinfall.

foto: reuters/christian charisius

Der anfangs noch als "süß" eingestufte blondgelockte Tauchlehrer entpuppte sich als maulfauler Arroganzling, der sich nicht im Mindesten bemühte, sein kreolisch-gefärbtes Französisch an diesbezüglich ahnungslose Touristen anzupassen. Ich verstand maximal die Hälfte von dem, was er uns lehrte - wenn er überhaupt etwas lehrte. Übungen im Salzwasserbecken? Weit gefehlt.

Er kreolte kurz und knapp

Der Typ schleppte uns per Boot ins freie Wasser. Bevor ich mich noch in selbiges plumpsen ließ, war mir schon von der Anreise totenübel. Dann kreolte er kurz und knapp, was er mit uns unter Wasser vorhatte. Kein Wunder, dass ich wenig später sehr überrascht war, als er mir, zehn Meter tief unter Wasser, die Taucherbrille wegriss und in den Sand schmiss.

Hätte ich ihn verstanden, hätte ich gewusst, was zu tun ist: Augen auf, ruhig durch den Mund Tauchflaschenluft einatmen, nach der Brille tasten, aufsetzen, Wasser ausblasen. Fertig, Fall erledigt. Stattdessen sog ich erschrocken Salzwasser durch die Nase ein, verschluckte mich gewaltig und versuchte an die Oberfläche zu flüchten. Der Typ hielt mich zurück (aus dieser Tiefe muss man angeblich, wegen der Kompression, auf zwei Etappen auftauchen). Ich wehrte mich, er kämpfte mit mir, schrie mich an (wie eigentlich, durch den Schlauch?).

Als ich glücklich wieder oben war, war ich mit Tauchen samt Lehrer fertig - für immer. Schnorcheln ist eh viel schöner. Und die Muränen sind auch viel weiter weg. (Petra Stuiber, Rondo, DER STANDARD, 20.06.2014)


Bajau-Luft anhalten

Die halbgeöffneten Schalen der Capiz-Muscheln strahlten wie Lippen mit Gloss, als sie zu uns sagten: "Wir grundeln hier vor Bali schon so lange, nehmt uns alle mit. Wir möchten eh nix lieber, als in eurer Wiener Altbauwohung an einem Luster zu baumeln."

foto: pa/ahmad yusni

Die Capiz, Sie alle kennen sie, ist rein äußerlich eine graue Maus. Doch in ihrem Inneren verbirgt sich jenes perlmuttähnliche semitransparente Material, das, zu runden Plättchen geschliffen, lange Zeit jede zweite Wohnzimmerlampe in Europa schmückte.

Der spontane Plan, aus selbstheraufgetauchten Souvenirs so einen Leuchtkörper zu basteln, schien an diesem Tag in greifbarer Nähe: nur zweieinhalb Meter unterm Meeresspiegel, um genau zu sein. Schon hielten wir die Luft an, streckten die Arme aus und versuchten nach den Capiz zu greifen. Gut ein halber Meter fehlte aber - und wohl auch das Rüstzeug der lokalen Apnoetaucher, die den Meeresgrund abernten wie unsereins nur das Erdbeerland.

Sie seien Bajau, erzählten sie

Am Strand von Amed wurden wir später von zwei Burschen, die uns im Wasser beobachtet hatten, empfangen: mit Händen voller Capiz und einem Grinsen. Sie seien Bajau, erzählten sie, Seenomaden, die im gesamten malaiischen Archipel von dem lebten, was das Meer hergebe. Schon zweijährige Kinder würden sich bei ihnen geschickter anstellen als wir, sagten sie - ganz ohne Hohn und mit den Muscheln als Geschenk.

Am nächsten Tag zeigten uns die Bajau Atem- und Konzentrationstechniken, dank deren schließlich auch wir ein wenig Rohmaterial für den Luster beschaffen konnten. Da hatten wir allerdings noch nicht aus unserem schlauen Bali-Büchlein erfahren, dass die Ausfuhr von Capiz streng verboten ist. Macht nix, der Glanz dieser Muschel passt ohnehin besser zum Lächeln der Bajau. Sie müssen heute oft genug Humor beweisen, wenn sie Urlaubern auf Bali das Apnoetauchen beibringen wollen. (Sascha Aumüller, Rondo, DER STANDARD, 20.06.2014)


Thai-Seegras rauchen

Es muss gegen Ende der 1990er gewesen sein, es war feucht, und es war heiß. Die drei Buben hatten es sich in den Kopf gesetzt, Thailand nicht nur unter Palmen, sondern auch am Meeresgrund zu erkunden. Dabei sollte ihnen Jörg helfen. Jörg war Tauchlehrer in Ko Tao und schon viele Jahre nicht mehr in Deutschland gewesen. Wozu auch? Selbst bei täglichem Besuch des Sonnenstudios wäre es schwierig gewesen, die ins Schwärzliche tendierende Bräune seines Körpers zu erreichen. Auch war der Nachschub an Touristinnen in Deutschland naturgemäß beschränkt, und zum Skilehrer hatte Jörg kein Talent.

foto: ap photo/courtesy chris burville

Mit glasigen Augen schaute Jörg auf die Welt hinaus, aber das war weniger der sengenden Sonne geschuldet als den getrockneten Gräsern, die sich der Tauchlehrer in sein Pfeiferl stopfte. Zwischen den zwei Tauchgängen, die wir am Tag zu absolvieren hatten, um am Ende der Woche das Padi-Zertifikat zu erhalten, gab es dafür viel Zeit. Wir lernten die Theorie am Strand, er chillte unter Palmen. Im Wasser starrten uns unter seiner Tauchbrille zwei kleine Äuglein entgegen, während er uns mittels Handbewegungen in Slow Motion verdeutlichte, uns nicht senkrecht, sondern waagrecht zu halten. Dabei wollten wir doch nur nach oben! Langsam, sagte Jörg. Es war sein Lieblingswort.

Er schlug vor, allein einen Tauchgang zu unternehmen

Als der Kurs fast zu Ende war, schlug Jörg vor, allein einen Tauchgang zu unternehmen. Er würde auf dem Boot warten. Bis auf 16 Meter kamen wir, dann fühlte sich ein Drückerfisch von uns belästigt. Um das zu verdeutlichen, biss er sich in einer Flosse fest. In Panik schossen wir alle drei nach oben, wo sich Jörg gerade ein neues Pfeiferl anzündete. Easy, sagte er und blies uns den Rauch ins Gesicht: easy.

Bei der Abschlussprüfung half er uns nach Kräften und bot uns danach einen Zug aus seiner Pfeife an. Dankend lehnten wir ab. (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 19.06.2014)

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