Gemeinsame Stimme für mehr Gerechtigkeit

22. Juni 2014, 17:29
posten

Der Wandel der Sozialarbeit in Ostafrika ist Thema des Projekts Prosowo: Dabei geht es vor allem um Genderthemen

Klagenfurt/Wien - "Für viele Männer in Ostafrika hat das Wort Feminismus immer noch eine negative Konnotation", erklärt Janestic Twikirize. Die Vizepräsidentin der panafrikanischen Ausbildungsvereinigung lehrt an der Makerere-Universität in Uganda Soziale Arbeit, Entwicklung und Gender und ist gerade auf Arbeitsbesuch an der Fachhochschule Kärnten. Gemeinsam mit Helmut Spitzer, Professor für Soziale Arbeit in Klagenfurt, arbeitet sie an dem internationalen Projekt Prosowo. Dessen Ziel ist es, "die Sozialarbeit noch mehr zu professionalisieren und das Potenzial dieser Profession öffentlich und politisch sichtbar zu machen" , wie Spitzer es ausdrückt. Ein wichtiger Aspekt dabei sei die Genderperspektive.

Prosowo steht für "Promotion of Professional Social Work in East Afrika" , ist vom österreichischen Programm Appear finanziert und auf vier Jahre angelegt. Mit dabei sind Hochschulen aus Uganda, Ruanda, Kenia, Tansania, Burundi und Österreich - der Standard berichtete. Das Projekt setzt, so Spitzer, "auf dialogische Wissenschaftskooperation und partizipative Entwicklungsforschung".

Was bedeutet das in der Praxis? "Die meisten Themen und Fragestellungen in unserer Ausbildung zur Sozialarbeit fokussieren immer noch auf Männer. Wenn die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen in den Dörfern zum Beispiel mit struktureller, sexueller Gewalt gegen Frauen konfrontiert werden, sind sie darauf nur unzureichend vorbereitet", erzählt Twikirize.

Lehrpläne überarbeiten

Die meisten Klienten seien aber Frauen. Wie Genderthemen umgesetzt werden können, ohne dass sich Männer bedroht fühlen, sei eine große Herausforderung. Um die Problemstellung zu systematisieren, wurden in einer breitangelegten Grundlagenforschung mehr als 1800 Personen mittels Interviews oder schriftlich befragt. Auf Basis dieser Befragung sollen die Lehrpläne an den beteiligten Hochschulen überarbeitet werden. "Wir arbeiten an einem neuen Handbuch für die Feldforschung", sagt Twikirize.

"Viele Männer befürchten, dass Frauen ihre Position in der Gesellschaft übernehmen werden, und unterstützen unsere Projekte deswegen nicht oder unzureichend. Sie sehen Genderaktivistinnen nur als Frauenaktivistinnen" , führt sie aus. "Was meint Gender überhaupt? Und warum sollte das ein Thema sein? Das sind Fragen, die wir uns in unserem interkulturellen Team stellen", ergänzt Spitzer.

Über Armut sprechen

"Ohne Genderperspektive ist es heute gar nicht mehr möglich, über Armut und Marginalisierung zu sprechen", ist er überzeugt. "Wir können uns keinen gesellschaftlichen Bereich sinnvoll ohne Genderperspektive ansehen, das gilt natürlich auch für den akademischen." Der Frauenanteil an den beteiligten Hochschulen sei sehr gering, Twikirize eine Ausnahme in dieser Position. Als theoretischer Unterbau fungiere ein Ansatz, der genuin aus dem Süden komme: "Social development", das Sozialarbeit als Entwicklungsakteur sehe - auf der Mikroebene der Familien und Communitys wie auch makropolitisch.

"Es bringt aber nichts, eine westlich anerkannte feministische Perspektive importieren zu wollen, ohne sich die Realität anzusehen", betont er. "Im Gegenteil: Ohne kultursensiblen Zugang führt das zu einer zusätzlichen Isolierung und Ablehnung dieser Positionen." Er führt das Beispiel eines Kollegen in Nairobi an: "Wir haben intensiv über Genderthemen diskutiert, auch darüber, welche Bilder wir vom Mann- und Frausein im Kopf haben. Dabei gibt es durchaus Gemeinsamkeiten - zu Hause statt seiner Frau zu kochen würde der Kollege aber nicht. Dies bedeutete für ihn, das Gesicht zu verlieren."

Zwischen akademischer Theorie und Praxis klafft also noch eine Lücke, die unter anderem durch das Projekt Prosowo verkleinert werden soll. Beim World Social Work Day in der ugandischen Hauptstadt Kampala im März 2014 fand dazu eine internationale Konferenz mit 500 Delegierten aus den Bereichen Lehre, Praxis, Forschung und Sozialpolitik statt.

Riskante Demonstration

Dabei führte unter anderem ein "Marsch für soziale Gerechtigkeit" durch die Straßen Kampalas. Nicht ohne Risiko in einem Land, in dem Homosexualität seit Februar 2014 mit lebenslanger Haft bedroht wird und die Menschen aufgefordert werden, Homosexuelle anzuzeigen. Ursprünglich war in Uganda sogar die Einführung der Todesstrafe für Homosexualität überlegt worden, nach internationalen Protesten wurde dieser Entwurf aber wieder verworfen.

"Die Politiker lesen die Gedanken der Bevölkerung", sagt dazu Janestic Twikirize diplomatisch. "Der Applaus im Land war Präsident Yoweri Museveni sicher." Homosexualität werde von großen Teilen der Bevölkerung "als aus dem Westen kommend" angesehen und abgelehnt. "Das ist ein hochpolitisierter Kontext", und "wir können nicht einmal daran denken, dass die Sozialarbeiterinnen in dieser Sache eine gemeinsame Stimme haben", sagt sie. "Was sich jede und jeder persönlich denkt, ist das eine, es hat aber kein offizielles Statement dazu gegeben."

Drei europäische Länder, die Niederlande, Norwegen und Dänemark haben aufgrund der neuen Homosexuellengesetzgebung die Hilfszahlungen für Uganda ausgesetzt - ob sie das für eine adäquate und hilfreiche Aktion hält? "Ich glaube nicht, dass dadurch viel Druck auf die Regierung gemacht werden kann", erklärt sie, "das Thema ist hochpolitisch. Meine Wahrnehmung ist, dass es das erste Mal seit vielen Jahren wieder Einigkeit zwischen allen politischen Parteien in diesem Land gibt - und das ausgerechnet in dieser Sache." (Tanja Paar, DER STANDARD, 18.6.2014)

  • Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen aus ganz Ostafrika beim "Marsch für soziale Gerechtigkeit" in der ugandischen Hauptstadt Kampala.
    foto: decent africa

    Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen aus ganz Ostafrika beim "Marsch für soziale Gerechtigkeit" in der ugandischen Hauptstadt Kampala.

  • Janestic Twikirize lehrt an der Makerere-Universität in Uganda Soziale Arbeit, Entwicklung und Gender.
    foto: decent africa

    Janestic Twikirize lehrt an der Makerere-Universität in Uganda Soziale Arbeit, Entwicklung und Gender.

Share if you care.