Wenn der Sohn "Thor Steinar" trägt

23. Juni 2014, 10:00
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Eltern rechtsextremer Jugendlicher suchen oft nach Rat - Deutschland bietet zahlreiche Initiativen, in Österreich gibt es kaum Beratung

Der 14-jährige Sohn hat sich die Haare bis auf wenige Millimeter abscheren lassen. Er trägt einen Pullover der Marke "Thor Steinar" und eine Kette mit einem Thorshammer-Anhänger. Seit einiger Zeit trifft er sich mit neuen Freunden, gemeinsam hören sie Musik von Bands, die sich Moshpit, Race Riot und Hate Society nennen.

Wenn Eltern solche Beobachtungen machen, kommt rasch die Sorge auf, dass ihr Kind in der rechtsextremen Szene aktiv ist. Oft können sie die Symbole auch nicht einordnen, manchmal hat der Sohn oder die Tochter schon Probleme mit der Polizei. In Deutschland können sich die Eltern mit ihren Fragen an zahlreiche Organisationen wenden. Es gibt  Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen im ganzen Land. In Österreich gibt es bisher noch keine solche Institution, weder für Betroffene noch für deren Angehörige.

Mehr rechtsextreme Handlungen

Laut einer parlamentarischen Anfragebeantwortung seitens des Innenministeriums hat es 2013 insgesamt 574 rechtsextreme Tathandlungen gegeben. Damit haben rechtextreme, rassistische und islamophobe Handlungen seit 2012 um 26 Prozent zugenommen. Zudem hat sich die Häufigkeit von Berichten über rechtsextreme Aktivitäten in den letzten Wochen verstärkt. In Salzburg etwa kommt es mehr und mehr zu nationalsozialistisch motivierten Schändungen, Mitte Mai wurde das Euthanasie-Denkmal im Kurgarten zerstört. In Wien marschierten Burschenschafter und die Identitären auf, in Innsbruck fand im November im vergangenen Jahr ein Marsch der Deutschen Burschenschaft statt.

Ratlose Eltern

Trotzdem fehlen hierzulande Institutionen, die von diesen Entwicklungen betroffene Angehörige unterstützen. "Mir sind keine Beratungsstellen für Rechtsextreme und deren Angehörige bekannt, es wäre aber nötig, dass es solche Einrichtungen gibt", sagt ein Mitarbeiter vom Österreichischen Dokumentationsarchiv im Gespräch mit derStandard.at. Gerade für Angehörige seien Beratungsstellen besonders wichtig, sagt auch Lisa Hempel. Hempel ist Beraterin beim Projekt "Rechte Jungs, rechte Mädchen – ratlose Eltern" in Bremen. Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass sich bei Hotlines für Neonazis vor allem Angehörige und weniger oft die Betroffenen selbst melden.

"Wenn die Angehörigen zu uns kommen, haben die Eltern meist eine lange Suche hinter sich", erzählt sie. Einrichtungen wie das Jugendamt seien mit dem Spezialthema Rechtsextremismus überfordert. Oft wollen die Eltern mehr über rechte Strukturen erfahren und nehmen Sticker und dergleichen mit, die sie bei ihrem Kind im Zimmer gefunden haben, um sie von den Experten einordnen zu lassen.

Hakenkreuz am Rücken

Hempel und ihr Kollege weisen die Angehörigen dann auf Homepages und Initiativen hin, die rechte Symbole erklären. "Häufig gibt es die Vorstellung, dass wir die Jugendlichen aus der Szene rausholen können, das ist aber nicht möglich", sagt Hempel. Schließlich arbeite die Initiative nur mit den Angehörigen und nicht mit den Betroffenen selbst. Eltern könnten nur einen Nachdenkprozess bei ihren Kinder auslösen.

Zweifel kämen bei diesen vor allem dann auf, wenn sie in der jeweiligen Gruppe angegriffen würden. "Wir hatten zum Beispiel einen Fall, bei dem einem Jugendlichen nach einer durchzechten Nacht ein Hakenkreuz auf den Rücken tätowiert wurde." Wichtig sei dann aber, dass die Eltern nicht sagen: "Ich hab's dir doch gesagt", sondern dass sie ihr Kind unterstützen.

Dasselbe betont die Berliner Elterninitiative "Eltern gegen rechts". Bei der Selbsthilfegruppe sprechen vor allem Mütter einmal pro Monat über ihre rechtsextrem orientierten Kinder, gefördert wird das Projekt vom Land Berlin. "Das wichtigste Anliegen der Mütter, die zu uns kommen, ist, ihre Söhne da rauszukriegen", sagt Eva Prausner, Leiterin der Selbsthilfegruppe.

In einigen Fällen sei das auch gelungen. Auch Prausner erzählt, dass vor allem dann Zweifel aufkommen, wenn die Jugendlichen von der gepriesenen Kameradschaft innerhalb der Gruppe enttäuscht werden.

Plakate nicht von den Wänden reißen

In einer Broschüre der Berliner Elterninitiative werden die ersten Anzeichen für rechtsextremistische Tendenzen beim eigenen Kind aufgelistet. Oft würden die Jugendlichen als Erstes ihr Aussehen verändern, also eine andere Frisur und Kleidung tragen. Viele würden auch ihr Zimmer umdekorieren und sich für das Militär und die deutsche Geschichten interessieren.

"Dann sollte man aber nicht alles verbieten und die Rudolf-Hess-Plakate von den Wänden reißen", erklärt Prausner - das führe lediglich zu mehr Konfrontation. Vielmehr gehe es darum, Grenzen aufzuzeigen: "Eine Mutter hat ihrem Sohn zum Beispiel erklärt, dass sie nur mit ihm Pizza essen geht, wenn er sein Thor-Steinar-T-Shirt auszieht." Der Sohn habe das schließlich auch akzeptiert.

"Deeskalierungshotline"

Trotz der dürftigen Situation, was Beratung in Österreich betrifft, könnte nun eine "Deeskalierungshotline" auch hierzulande Eltern unterstützen. Das Innenministerium plant eine zentrale Stelle, bei der man "Beobachtungen radikaler Tendenzen" melden könne. Laut einem Sprecher im Innenministerium soll die Hotline noch in diesem Jahr umgesetzt werden. An die Stelle sollen sich dezidiert auch Angehörige wenden können. Bei der "Deeskalierungshotline" geht es allerdings nicht nur um Rechtsextremismus, sondern um Extremismus allgemein, zum Beispiel also auch um Islamismus und Linksextremismus.

Verteilerstation

Wer dort in welcher Form beraten soll, ist allerdings noch völlig offen. Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl unterstützt das Innenministerium bei der Umsetzung der Hotline. Er erklärt im Gespräch mit derStandard.at, dass die Hotline keine Telefonseelsorge sein kann, sondern nur eine Art Verteilerstation für Anliegen. Die Gesprächspartner am Telefon sollen die Anrufer an die richtige Stelle verweisen können.

Von der Mutter, deren Tochter T-Shirts mit der Aufschrift "88" (einem Code für "Heil Hitler") trägt, bis zum Vater, dessen Sohn islamistische Tendenzen zeigt, könne jeder anrufen. "Die Herausforderung wird sein, dass die Hotline als Schnittstelle auf jede dieser Anfragen kompetent reagieren kann", erklärt Kreissl.

Kein Verein für Täter

Ein Problem ist, dass es derzeit noch keinen Verein für Beratung zum Thema Rechtsextremismus gibt, auf den die Beamten der Hotline verweisen können. "Die derzeitigen Initiativen sind sehr opferzentriert", erklärt Kreissl. So gibt es etwa mit Zara eine NGO, an die sich Opfer von Rassismus wenden können, aber nichts Entsprechendes für hilfesuchende Täter oder ihre Angehörigen. Kreissl empfiehlt daher bestehenden NGOs, sich auch mit Tätern und deren Umfeld auseinanderzusetzen und mit der Hotline zusammenzuarbeiten. (Lisa Aigner, derStandard.at, 18.6.2014)

  • Das Familienleben ändert sich meist radikal, oft ist nur mehr die rechtsextreme Orientierung der Jugendlichen Thema bei Gesprächen.
    foto: dpa/pleul

    Das Familienleben ändert sich meist radikal, oft ist nur mehr die rechtsextreme Orientierung der Jugendlichen Thema bei Gesprächen.

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