Die "Spanische Wegschnecke" entpuppt sich als heimisch

18. Juni 2014, 12:42
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Spezies wird auf Liste der 100 schlimmsten Bioinvasoren geführt - dabei ist sie hier beheimatet

Berlin/Wien/Frankfurt - Was als Bioinvasor eingestuft wird, hat nicht zuletzt eine zeitliche Komponente: Die meisten Arten in einem Ökosystem sind irgendwann einmal von außen zugewandert. Bioinvasoren sind sie dann, wenn sie gerade dabei sind sich auszubreiten und das Gleichgewicht ihrer neuen Heimat zu gefährden.

Neu eingestuft - abgesehen von den lästigen Folgen, die sie mit sich bringt - muss nun die Spanische Wegschnecke (Arion lusitanicus) werden. Das gefräßige Weichtier stamme ursprünglich aus Südwest-Europa - dachte man. Am Mittwoch veröffentlichte Studien am LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) sowie der Goethe-Universität zeigen nun jedoch, dass die Schnecke aus Zentraleuropa kommt.

Fehlanzeige in der vermeintlichen Urheimat

Die Schnecke wird sogar auf der Liste der europäischen "100 of the worst" Tier- und Pflanzenarten geführt, die erheblichen Einfluss auf biologische Vielfalt, Ökonomie und Gesundheit haben. Eingeschleppt wurde die Spanische Wegschnecke angeblich nach dem Zweiten Weltkrieg durch Obst- und Gemüseimporte.

Bei einer Bestandsaufnahme konnten Frankfurter Forscher aber nicht ein einziges Exemplar der Schnecke in ihrem angeblichen Herkunftsgebiet finden. Das Team des BiK-F und der Goethe-Universität hatte 2010 an 60 Orten in Frankreich, Spanien, Großbritannien und den Beneluxländern 300 Exemplare der Schnecke gesammelt und bestimmt.

Klares Ergebnis

"Statt der sogenannten Spanischen Wegschnecke haben wir zahlreiche mit herkömmlichen Methoden nicht bestimmbare, sogenannte kryptische Arten gefunden. Deshalb haben wir die Tiere anschließend mittels DNA-Taxonomie klassifiziert. Dabei werden die Erbinformationen zur Bestimmung herangezogen", so der Erstautor der Studie, Markus Pfenninger, der am BiK-F und der Goethe-Universität forscht und lehrt.

Viele der untersuchten Exemplare waren keiner bisher beschriebenen Art zuzuordnen. So wurde ein genetischer Stammbaum erstellt und in Beziehung zur geografischen Verbreitung gesetzt. "Die Ergebnisse zeigten uns, warum wir Arion lusitanicus in ihrer angeblichen Heimat nicht finden konnten. Diese Art ist definitiv nicht dort heimisch, sondern bei uns", folgert der Wissenschafter.

Hypothesen zur "Schneckenexplosion"

"Vielleicht hat sich die Schneckenart in den vergangenen Jahrzehnten auch einfach aufgrund veränderter landwirtschaftlicher Anbaumethoden so stark vermehrt, dass es uns wie eine Invasion erscheint." Bei schlecht dokumentierten Einwanderungen wie bei der Spanischen Wegschnecke müsse man laut Pfenninger mit dem Begriff "invasiv" künftig vorsichtiger sein, denn diese Einstufung habe konkrete Auswirkungen auf die Umweltpolitik.

Bekämpfungsmaßnahmen, wie sie im Rahmen einer derzeit diskutierten EU-Verordnung zur besseren Kontrolle, Eindämmung und Bekämpfung invasiver Arten beschlossen werden sollen, wären deshalb gar nicht auf diese Tierart anzuwenden. Dabei warnen Naturschützer seit geraumer Zeit, dass die sich explosionsartig vermehrende braune Nacktschnecke die einheimische Schwarze Wegschnecke (Arion ater) verdränge und erhebliche Fressschäden an der heimischen Vegetation und in der Landwirtschaft anrichtet. (APA/red, derStandard.at, 18. 6. 2014)

  • Ein Anblick, der Gartenbesitzern verhasst ist: eine Spanische Wegschnecke. Sieht aber ganz so aus, als müssten wir im wahrsten Sinne des Wortes mit ihr leben.
    foto: apa/dpa/patrick pleul

    Ein Anblick, der Gartenbesitzern verhasst ist: eine Spanische Wegschnecke. Sieht aber ganz so aus, als müssten wir im wahrsten Sinne des Wortes mit ihr leben.

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