Breitenseer Dichte-Spiele

19. Juni 2014, 12:17
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Auf dem Gelände der ehemaligen Remise entstand mit dem "Karrée Breitensee" ein Stadtteil mit 184 Wohnungen - eine Baumasse, die anfangs für Ängste sorgte. Dann fanden Bauträger und Anrainer zusammen

Wien - Der Platz für den vielgerühmten leistbaren Wiener Wohnbau schwindet. Die Grundstückspreise in Wien steigen weiter, und das inzwischen auch in den bisher still dahindämmernden Grätzeln. Das hat Konsequenzen: Einerseits müssen sich Bauträger neue Modelle ausdenken, wenn sie mit reinen Mietwohnungen die Grundkosten nicht mehr abdecken können. Andererseits führt eine Bebauung, die sich nur rechnet, wenn sie massiv ist, bei den Anrainern zu Nervosität.

So im Fall der 2006 aufgelassenen Breitenseer Remise an der Hütteldorfer Straße. Gefördertes Wohnen sollte auf dem Gustostückerl-Grundstück entstehen, so das Ziel beim Bieterwettbewerb der Wiener Linien. Die Bauträger, die hier am besten kalkulierten, waren das ÖSW und die WBV-GPA, die sich Grundstück und Entwicklung daraufhin teilten. "Ich finde es gut, dass die Stadt hier auf leistbares Wohnen setzt. Es gibt andere Fälle in der Gegend, wo das nicht so ist," sagt ÖSW-Vorstand Michael Pech. In der Zusammenarbeit mit der WBV-GPA teilte man sich die jeweiligen Stärken - hier Integration von Gewerbeflächen, dort Mietwohnungen - auf.

Angst vor Verschattung

Und dann gab es noch die Nachbarn. Sie schlossen sich in der Bürgerinitiative "Lebenswertes Breitensee" zusammen und sammelten rund 2000 Unterschriften. Gewöhnt an Licht, Luft und Sonne über dem flachen Remisendach, fürchtete man Verschattung durch einen Neubau, der trotz zentraler Lage nahe der U3 nichts zum Grätzelleben beitragen würde.

Die Lösung fand sich im Kompromiss: Franz Pelda, Wortführer der Bürgerinitiative, wurde als Mitglied in die Jury des Architekturwettbewerbs geladen. "Wir wollten eine möglichst niedrige Bebauung und zwei Einfahrten, damit der Lieferverkehr nicht durch die Tempo-30-Zone fährt", erklärt er heute.

Neues Bezirkszentrum

Den Zuschlag erhielt das Projekt von Neumann & Partner und G.O.Y.A. (Group of Young Architects). "Das Projekt war das beste von allen", räumt Franz Pelda ein, auch wenn es für ihn eher das "kleinste Übel" darstelle. Immerhin: Die Aufteilung der Einfahrten wurde umgesetzt, und mit Kindergarten, Supermarkt, WGKK-Bezirksaußenstelle und Volkshochschule entstand obendrein ein veritables Bezirkszentrum.

"Wir hätten durchaus noch höher bauen können," sagt ÖSW-Vorstand Michael Pech, der mit dem Kompromiss zufrieden ist, auch wenn sich der Bau durch Diskussionen mit den Anrainern und zahlreiche Einsprüche gut sieben Jahre hinzog. "Am Anfang gab es auch Befürchtungen im Umfeld, es würden sich Billigshops einmieten, aber aufgrund des hohen Grundstückspreises war hier nur eine hochwertige Nutzung möglich."

2011 konnte mit dem Bau begonnen werden, im März dieses Jahres waren die 184 Wohnungen fertiggestellt. 97 davon wurden von der ÖSW-Tochtergesellschaft Karrée Breitensee GmbH errichtet, davon 65 geförderte und 32 freifinanzierte Eigentumswohnungen in den oberen Stockwerken, in den unteren 87 geförderte Mietwohnungen von der WBV-GPA. Rund 7,8 Millionen Euro der Gesamtbaukosten von rund 32 Millionen Euro kamen von Fördermitteln der Stadt Wien.

Lieblose Hofgestaltung

Dicht gedrängt sind sie, die Baublöcke, die sich jetzt um die Höfe hinter der verglasten Brücke an der Hütteldorfer Straße schichten, aber das befürchtete Schlucht-Feeling bleibt aus, auch wenn die Gestaltung der Höfe etwas lieblos anmutet.

Ist der Kompromiss zwischen Dichte, leistbarem Wohnen und Anrainern gelungen? "Die Fassade gefällt mir nicht so, aber so baut man eben heute. Ich verstehe, dass hier verwertet werden will, und wir wollten den Bauträgern eben auf die Finger schauen," resümiert Franz Pelda. "Es war der richtige Weg, auf die Menschen zuzugehen", meint Pech vom ÖSW. "Die unmittelbaren Anrainer haben wir überzeugen können." Zwar ist die Aussicht über die Remise verloren, gewonnen wurde dafür ein neues Stück Stadt. (Maik Novotny, DER STANDARD, 18.6.2014)

  • Dicht bebaut, aber nicht ganz so hoch wie anfangs geplant ist das Karrée 
Breitensee geworden.
    foto: ösw

    Dicht bebaut, aber nicht ganz so hoch wie anfangs geplant ist das Karrée Breitensee geworden.

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