Borreliose: "Ein Impfstoff wäre schon sinnvoll"

18. Juni 2014, 09:50
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Der Infektiologe Herwig Kollaritsch über verschiedene Borrelienarten und ihre Auswirkungen auf die Impfstoffentwicklung

STANDARD:  1998 gab es in den USA eine wirksame Impfung gegen Borreliose, aber 2002 nahm der Hersteller Baxter diese wieder vom Markt. Warum? Bei 30.000 Neuerkrankungen pro Jahr in den USA und 85.000 in Europa müsste sich die Impfung doch gelohnt haben?

Kollaritsch: Das ist richtig. Der Hersteller hatte aber zwei Probleme. Erstens wirkte der Impfstoff nur gegen die Borrelienart, die hauptsächlich in Nordamerika vorkommt. Die Borreliose in Europa wird aber durch verschiedene andere Borrelienarten verursacht. So hätte die Impfung also nur in den USA eingesetzt werden können. Zweitens gab es kurz nach der Einführung Gerüchte, die Impfung verursache Gelenksentzündungen. Obwohl diese Gerüchte nicht belegt werden konnten, war der Imageschaden so groß, dass der Hersteller sich entschlossen hat, die Impfung vom Markt zu nehmen.

STANDARD: Die Med-Uni Wien nimmt gerade an einer Studie zu einem neuen Impfstoff teil. Warum dauerte es so lange, bis ein erneuter Versuch gestartet wurde?

Kollaritsch: Weil es die verschiedenen Arten von Borrelien gibt, die pro Land unterschiedlich oft vorkommen. Will man einen weltweit wirksamen Impfstoff herstellen, muss man die Oberflächenproteine (OspA) mehrerer Borrelia-Arten hineinpacken, damit der Körper Abwehrstoffe (IgG) gegen diese Proteine herstellt. Bei Kontakt mit Borrelien machen die IgG die Bakterien schon in der anhaftenden Zecke unschädlich. Der Impfstoff in der Studie enthält OspAs von sechs verschiedenen Borrelienarten.

STANDARD: Wirkte die Impfung?

Kollaritsch: Alle 300 Teilnehmer bildeten genügend IgG gegen alle sechs OspAs. Ob die Abwehrstoffe auch eine Borrelieninfektion wirksam verhindern, werden wir in der nächsten Studienphase untersuchen. Jetzt ging es in erster Linie darum, die richtige Dosis zu finden und zu schauen, ob der Impfstoff sicher ist.

STANDARD: Ist er das?

Kollaritsch: In der Studie kam es zu keinen besonderen Nebenwirkungen. Vor allem stellten wir bei den Geimpften nicht häufiger Gelenksbeschwerden fest. Wie nach einigen anderen Impfungen auch bekamen manche grippeähnliche Beschwerden oder Schmerzen an der Einstichstelle. Um endgültige Aussagen machen zu können, müssen wir aber erst die nächste Studie abwarten.

STANDARD: Wann könnte die neue Impfung auf den Markt kommen?

Kollaritsch: Das hängt ausschließlich vom Hersteller ab. Für die Zulassung muss man die Ergebnisse aus der nächsten Studienphase abwarten. Offenbar denkt derzeit der Hersteller aber nicht daran, weiterzuforschen. Das Durchführen der Studien ist derart teuer, dass dies selbst für eine große Firma ein beachtliches kommerzielles Risiko darstellt. Außerdem hat die Firma vor, ihren Impfstoffforschungsbereich zu verkaufen - bis zu einem Impfstoff müssen wir wohl noch etwas warten. Ich finde, es wäre sehr sinnvoll, den Impfstoff weiterzuentwickeln. Nach den ersten Ergebnissen scheint er sehr wirksam zu sein. Patienten mit Borreliose haben oft lange gelitten, bis die Krankheit festgestellt und therapiert wird, und manche haben trotz Therapie noch monatelang Beschwerden. Das könnten wir mit einer Impfung vermeiden. (Felicitas Witte, DER STANDARD, 17.6.2014)

  • Herwig Kollaritsch ist Infektiologe und Tropenmediziner an der Med-Uni Wien.
    foto: wilke

    Herwig Kollaritsch ist Infektiologe und Tropenmediziner an der Med-Uni Wien.

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