Das Gehirn als Bilderbuch 

21. Juni 2014, 18:00
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Die Psychologin Julia Lechinger misst Aktivität in Schlafphasen und Wachkoma 

Ein Drittel seines Lebens verbringt der Mensch schlafend. Schlaf- und Wachzustand folgen dabei einem 24-Stunden-Rhythmus. Eine der pathologischen Störungen dieses Rhythmus ist das Wachkoma - oft mit Bewusstseinsverlust in der Wachphase.

Ende 2009 absolvierte Julia Lechinger im Labor für Schlaf- und Bewusstseinsforschung unter der Leitung des frischgekürten Startpreisträgers Manuel Schabus an der Universität Salzburg ihr erstes Praktikum. Es steht am Anfang der wissenschaftlichen Laufbahn der jungen Forscherin. Eben verlieh ihr die Uni Salzburg das Marie-Andeßner-Stipendium für ihre Dissertation.

Zu Beginn ihres Psychologiestudiums beschäftigte sich die Deutsche mit dem klinischen Aspekt des Fachs, erkannte aber schnell, dass sie die biologische Seite "viel mehr reizte". Hier erhoffte sie sich einen "direkteren Zugang zu den menschlichen Denkprozessen". Die Möglichkeit, Gehirnprozesse mittels Bildgebung messbar machen zu können, faszinierte sie.

Untersuchung verschiedener Bewusstseinsgrade

Danach wurde Lechinger Studienassistentin im Bereich Biologische Psychologie und erhielt Einblicke in die Schlaf- und Wachkomaforschung: "Besonders Letztere hat mich interessiert, weil Wachkoma die Untersuchung verschiedener Bewusstseinsgrade, losgelöst von unterschiedlichen Wachheitsgraden, erlaubt." Eine Person kann also wach, aber zur gleichen Zeit unbewusst sein. Eine Diagnose von Wachkomapatienten und die Einschätzung ihres Bewusstseinszustands kann auf Basis des Verhaltens - also beispielsweise der Möglichkeit, Blickkontakt herzustellen oder einfache Aufforderungen zu befolgen - "sehr schwierig" sein, sagt die 27-Jährige. Die Forschung in diesem Bereich hätte daher "hohe klinische Relevanz".

Viele ihrer Patienten weisen starke motorische oder sensorische Einschränkungen auf, die selbst bei minimalem Bewusstsein schon eine einfache Kommunikation unmöglich machen. Hier kann für eine genauere Abklärung auf funktionelle Bildgebung oder Elektrophysiologie zurückgegriffen werden. "Unsere Forschung zielt darauf ab, künftig valide Maße für vorhandenes Bewusstsein bei Wachkoma oder auch Locked-in Patienten zu finden", sagt Lechinger. Sie misst dabei die elektrische Aktivität des Gehirns mittels Elektroenzephalografie (EEG), also wie sich einfache Instruktionen in der Gehirnaktivität niederschlagen, und vergleicht dies mit der EEG-Signatur von Wachkoma im Ruhezustand.

Psychologie wird technologisch

Binnen eines Jahre will Lechinger ihre Dissertation abschließen. Danach wäre die Psychologin gern weiterhin in der neurowissenschaftlichen Forschung tätig. Da der Bereich zunehmend technologischer wird, überlegt sie, sich in der Informatik ein "stärkeres Fundament anzueignen".

Nach der Matura kam die Straubingerin nach Österreich. In Deutschland gab es keinen Studienplatz für sie. Heute hängt ihr "Herz an Salzburg". Trotzdem will sie im Anschluss an ihr Doktoratsstudium erst einmal in andere Städte, um ihren Forschungshorizont zu erweitern. Und sich neuen Bereichen widmen, damit sie ihren "zukünftigen Kindern neben Skripten schreiben auch noch andere wichtige Dinge beibringen kann" - wie Marmeladen einzukochen oder einen norddeutschen Hof zu renovieren.

  • Julia Lechinger erforscht Signale für Bewusstsein.
    foto: privat

    Julia Lechinger erforscht Signale für Bewusstsein.

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