Das unterschätzte Gefühlsleben der Fische

17. Juni 2014, 18:33
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Sind Fische tatsächlich so kalt und gefühllos, wie der Volksmund behauptet? Ein Biologe präsentiert überraschende Erkenntnisse über Intelligenz und Schmerzempfinden der Tiere

Sydney/Wien - Das Konzept des Vegetarismus wird nicht überall gleich streng ausgelegt. In bestimmten Gegenden kann es Anhängern der fleischlosen Kost schon einmal passieren, dass sie statt Fleisch von toten Säugetieren einfach Fisch serviert bekommen. Dieser zugegeben seltsamen Grenzziehung liegt die weit verbreitete Annahme zugrunde, dass Fische keine oder weniger Schmerzen empfinden würden und wenig intelligent seien.

Für die meisten Menschen gelten Fische - mit 32.000 bekannten Spezies sind sie artenreicher als alle anderen Wirbeltiere zusammen - im Normalfall bloß als Nahrungsmittel, bestenfalls als Haustiere. Immerhin: Als Versuchstiere stehen sie an zweiter Stelle hinter den Mäusen.

Wie Fische behandelt werden, kümmert die Öffentlichkeit allerdings wenig - und ist somit auch nicht interessant für die Politik, kritisiert Culum Brown von der Macquarie University in Sydney. Dieses mangelnde Interesse hänge auch damit zusammen, dass man ihnen kein Bewusstsein und auch keine kognitiven Fähigkeiten zutraue. Und das wiederum werde wohl auch dadurch beeinflusst, dass Mensch und Fisch in ihren jeweiligen Umgebungen eher selten Berührungspunkte haben.

Viel intelligenter als gedacht

In seinem Überblicksartikel im Fachblatt "Animal Cognition" hat der australische Verhaltensökologe alle möglichen Erkenntnisse über Intelligenz und Empfinden von Knochenfischen zusammengetragen und kommt dabei zu einem eindeutigen Resümee: Fische sind viel intelligenter als angenommen.

Laut Brown haben Fische ein gutes Erinnerungsvermögen, und sie leben in komplexen sozialen Gemeinschaften, in denen sie Beziehungen knüpfen und voneinander lernen können. Dadurch werde sogar das Entstehen kultureller Traditionen gefördert. Außerdem könnten bestimmte Knochenfische sich und andere Artgenossen erkennen.

Manche Arten seien aber auch imstande Werkzeuge zu benutzen und verwenden die gleichen Methoden zum Einschätzen von Mengen wie Menschen. Ihr Verhalten gleiche stark dem von Primaten, abgesehen davon, dass sie nicht die Fähigkeit zur Imitation besitzen. Der Grad der mentalen Komplexität gleiche dem der meisten anderen Wirbeltiere.

Vor allem aber fänden sich zunehmend Hinweise, dass Fische ein dem Menschen ähnliches Schmerzempfinden besitzen. Das Gehirn von Fischen unterscheidet sich zwar von dem anderer Wirbeltiere, es finden sich aber viele analoge Strukturen, die ähnliche Funktionen haben.

"Eine definitive Antwort auf die Frage nach dem Maß des Bewusstseins bei nichtmenschlichen Wirbeltieren hat die Wissenschaft zwar noch nicht", räumt Brown ein. "Angesichts der vielen Hinweise auf den hohen kognitiven Entwicklungsstand und das Schmerzempfinden ist dringend anzuraten, Fischen das gleiche Maß an Schutz angedeihen zu lassen wie jedem anderen Wirbeltier", fordert der Forscher, dem bewusst ist, dass solch ein Schritt unter anderem Folgen für die Fischindustrie hätte.

Mit anderen Worten: "Wir sollten Fische in unsere moralischen Überlegungen miteinbeziehen und ihnen den Schutz geben, den sie verdienen." (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 18.6.2014)

  • Forellen im Netz: Ein australischer  Ökologe fordert, Fischen den gleichen Schutz angedeihen zu lassen wie  jedem anderen Wirbeltier.
    foto: reuters/cameron

    Forellen im Netz: Ein australischer Ökologe fordert, Fischen den gleichen Schutz angedeihen zu lassen wie jedem anderen Wirbeltier.

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