Mein Auto, mein Haus, mein Baum, mein Grund

Kommentar der anderen17. Juni 2014, 18:35
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Hat das Privateigentum ausgedient? Glaubt man Theoretikern wie Piketty und Rifkin, dann könnte das durchaus sein. Allein: Ein zweiter Blick auf die Vorteile des Eigentums lohnt sich

Neue Berechnungen der Europäischen Zentralbank kommen zu einem Ergebnis, das aufhorchen lässt: Das Vermögen sei überaus ungleich verteilt, fünf Prozent der österreichischen Haushalte halten über die Hälfte des gesamten Nettovermögens. Diese Konzentration übersteige auch die Verhältnisse in anderen europäischen Ländern. Die Frage liegt auf der Hand: Woher kommt das, ist das gut? Sollte die Politik Gegenmaßnahmen überlegen? Was kann man denn überhaupt tun, um Investoren nicht aus dem Land vertreiben?

Thomas Piketty verknüpfte in Capital in the Twenty-First Century historische Forschungen zur Einkommens- und Vermögensverteilung mit theoretischen Überlegungen zum Funktionieren des Kapitalismus. Er äußert die These, dass Vermögenskonzentrationen eine unweigerliche Folge kapitalistischer Marktwirtschaften sei, was letztlich die Wirtschaft stagnieren ließe und die Demokratie bedrohe.

Nach allem, was wir über funktionierende Marktwirtschaften wissen, ist das zweifellos Sprengstoff. Wo bleibt denn da die unsichtbare Hand - Lieblingsmetapher aller Ökonomen seit Adam Smith -, die alles wieder richtet, wenn es mal kurzfristig aus dem Lot gerät?

Unabhängig davon, wie gut und valide Pikettys Daten und Thesen sind - angesichts der empirischen Fakten zur Vermögenslage fragen sich der aufrichtige Staatsbürger und die ehrliche Steuerzahlerin schon, ob es sich bei diesen immer massiver werdenden Konzentrationen um Naturgesetze handelt. Und ob diese Kombination von Privateigentum und Koordination über Märkte, einzig und unentbehrlich effizientes Wirtschaften und Wachstum garantiert.

Jeremy Rifkin erklärte uns zuletzt in Wien, dass allzu intensives Nachdenken über diese Zusammenhänge unnötig sei. Das Problem erledige sich nämlich mit der in Meilenschritten auf uns zukommenden "Zero Marginal Cost Society" von selbst: Niemand brauche mehr Eigentum, wichtig sei vielmehr der "Access", also der Zugang zur Nutzung. Rifkin rief die dritte industrielle Revolution aus. Und fast so als sei es ein Treppenwitz der Geschichte, beruht diese auf der Abschaffung der zentralen Errungenschaft der ersten industriellen Revolution, nämlich dem Privateigentum.

Ein Blick auf die historischen Zusammenhänge rund um die Entstehung des Privateigentums: Marx nannte es die "ursprüngliche Akkumulation", die in seiner Logik untrennbar mit der Abschaffung traditioneller Formen gemeinschaftlicher Bewirtschaftung von Boden einherging. Die Aneignung von Ländereien interpretierte er als einen der zentralen Meilensteine für die Entwicklung des Kapitalismus: "Sie eroberten das Feld für die kapitalistische Agrikultur, einverleibten den Grund und Boden dem Kapital und schufen der städtischen Industrie die nötige Zufuhr von vogelfreiem Proletariat" (Das Kapital).

Die "dürre Allmendekuh"

Vertreter anderer Denktraditionen sahen nicht Gewalt und Gesetzgebung, sondern vielmehr die Ineffizienzen als Grund für die "tragedy of the commons". Joachim Radkau analysiert in "Natur und Macht" die historischen Diskussionen rund um das Allmendeproblem: Beklagt wurde im Konkreten die Übernutzung und Vernachlässigung kollektiven Eigentums, die in der "dürren Allmendekuh" ihre Metapher fand.

Unabhängig davon, welche der historischen Erklärungen plausibler erscheinen: Die Implementierung einer bis heute gültigen Form des privaten Eigentums war ein zentrales Element im Kontext der ersten industriellen Revolution. Und heute? Erweckt Rifkin die Commons wieder zum Leben? Brauchen wir im Kapitalismus 2.0 kein Privateigentum mehr? Interessanterweise ist es wiederum die Ineffizienz, die Rifkin im Kontext der dritten industriellen Revolution als Argument gegen privates Eigentum bemüht. Bei Grenzkosten von null, so die These, stehe das Privateigentum einer effizienten Nutzung im Weg.

Nun sind bei gemeinschaftlich bewirtschaftetem Boden, der seine Renaissance im "Gardensharing" findet, die Grenzkosten zweifelsohne ungleich null. Doch das gilt für Autos und Wohnungen, die er gleichermaßen als Beispiele heranzieht, genauso. Rifkin diferenziert hier nicht genau, auch weil Phänomene, um die es ihm geht, bei geringen und bei gar keinen Grenzkosten ähnlich gelagert sind. "Collaborative Economy" nennt er es, im deutschsprachigen Raum ist das Konzept der "Share Economy" oder auch "Kokonsum" geläufiger. Simpel gesprochen heißt es, dass es allen besser geht, wenn geteilt wird. Weil es effizienter ist. Also zurück zur Allmende. Das ist nicht nur einleuchtend, sondern befriedigt auch die Sozialromantik.

Wer pflegt die Infrastruktur?

Aber müssten wir bei aller Euphorie nicht viel genauer hinterfragen, wem Autos, Wohnungen, Musik, Bücher und Web 2.0 denn dann gehören sollen, wenn nicht privaten Personen oder Unternehmen? Dem Staat? Die historischen Erfahrungen mit diesem Modell waren nicht gerade überragend gut. Lokalen Gemeinschaften? Das funktioniert vielleicht beim Gärtnern, aber nicht in weltumspannenden Netzwerken. Denn auch bei geringen Grenzkosten können die Durchschnittskosten beliebig hoch sein. Wer trägt diese Kosten, wer pflegt die Infrastruktur, wer verantwortet die faire Verteilung der Nutzung und wer verhindert eine Übernutzung?

Je nachdem, wie die Marktbedingungen gestaltet sind, können das auch Privatunternehmen sein, die dann die Nutzung verkaufen. Sind die Grenzkosten null oder nahezu null, wird das schwierig, weil nur eine Gratisnutzung die gesamtwirtschaftlich beste Lösung darstellt. Aber wie sollen in solchen Märkten die Nutzungsrechte vergeben werden? Bekommen wir ein Zwei-Klassen-Internet, wie von der US-Telekom-Aufsicht FCC vor kurzem gebilligt?

Erschwerend kommt hinzu, dass privates Eigentum auch weitreichende emotionale und psychologische Komponenten hat. Leiht Ihnen Ihr Nachbar sein Auto? Und wird er sein Auto weiter so pflegen, wenn Ihre brasilianische Freundin, die polnische Putzfrau und der Zeitungsverkäufer um die Ecke plötzlich einen "Access" brauchen?

Möglicherweise sind dies Reminiszenzen aus einer alten Welt, die gerade die Bühne verlässt. Möglicherweise aber auch starke gesellschaftspolitische Kräfte. Mein Auto, mein Haus, mein Baum, mein Grund gehören zusammen und machen Besitz wie auch Status aus. Was immer wir von Rifkins oder Pikettys Thesen halten mögen, wir werden nicht umhin kommen, Privateigentum und Vermögen neu zu diskutieren, und zwar in allen Konsequenzen auf Gerechtigkeit, auf effiziente Allokation und Demokratie. (Dorothea Sturn, DER STANDARD, 18.6.2014)

Dorothea Sturn ist seit Jänner 2011 Geschäftsführerin des Wissenschaftsfonds FWF.

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