Türkische Opposition nominiert frommen Muslim

17. Juni 2014, 18:31
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Die Einigung auf Spitzendiplomat Ekmeleddin Ihsanoglu als Präsidentschaftskandidat gilt als guter Schachzug

Ein paar Wochen ist es her, als Devlet Bahçeli, der stets grimmige Chef der rechtsnationalistischen Partei MHP, Dreiecke auf ein Stück Papier kritzelte: ein größeres für die Sozialdemokraten der CHP, ein kleineres für seine Partei und ein drittes Dreieck, das beide Parteien umspannt und den Anteil der türkischen Wähler zeigen soll, die für einen gemeinsamen Kandidaten der Opposition bei den Präsidentenwahlen stimmen würden. Den Mann, der Tayyip Erdogan, den Premier und Präsidenten in spe herausfordern soll, haben die beiden Parteien nun.

60 bis 75 Prozent würde der sogenannte "Dachkandidat" der Opposition bekommen, so errechnete Bahçeli bei seiner Geometrieübung. Die Ansichten, ob Bahçelis Rechnung bei der Wahl am 10. August auch aufgeht, sind ähnlich weit gefasst. Doch die Nominierung des 71-jährigen Ekmeleddin Ihsanoglu gilt allgemein als guter Schachzug der beiden größten Oppositionsparteien.

Konservativ, fromm, weltoffen

Denn Ihsanoglu hat Eigenschaften, die einige Wählerschichten in der Türkei ansprechen: konservativ, fromm, aber weltoffen. "Ihsanoglu ist mit der CHP und MHP in Erdogans Garten eingedrungen", schrieb der Kolumnist Murat Yetkin am Dienstag in der liberalen Tageszeitung Radikal . Die Regierungspresse machte sich gleichwohl lustig über den "Zinnsoldaten" Ihsanoglu. Kritik gibt es auch innerhalb der CHP - von den nationalistischen Kemalisten, die keinen Vertreter des politischen Islam als ihren Kandidaten sehen wollen; von den Liberalen, die bemängeln, dass Parteichef Kemal Kiliçdaroglu mit Bahçeli die Nominierung ausgekungelt hat.

Wenn Erdogan am Donnerstag vor österreichischen Türken in Wien seine Wahlrede hält, wird er den Mann angreifen müssen, den seine Regierung 2004 an die Spitze der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (IOC) bugsiert hatte. Drei Amtszeiten lang, bis Ende 2013, führte Ihsanoglu den 56-Staaten-Klub. Kritisiert wurde er wegen der Inaktivität des IOC während des Putschs in Ägypten. Erdogan selbst hat seine Kandidatur noch nicht erklärt. Minister und Parteifunktionäre versichern, er würde im ersten Wahlgang mit mehr als 50 Prozent gewinnen. (Markus Bernath, derStandard.at, 17.6.2014)

  • Ekmeleddin Ihsanoglu, ein "Dachkandidat".
    foto: ap photo/emrah gurel

    Ekmeleddin Ihsanoglu, ein "Dachkandidat".

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