Spanien, wie es spielt und stirbt

17. Juni 2014, 18:15
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Das Maracanã könnte am Mittwoch Schauplatz einer Götterdämmerung werden. Im Falle einer Pleite gegen Chile wäre Spanien in Gruppe B gescheitert. Beim Welt- und Europameister wird das Tiqui-taca nicht infrage gestellt. Xavi: "So spielen wir, so sterben wir"

Das Maracanã hat den 64. Geburtstag gefeiert. Zico, der weiße Pelé, hat sich als Gratulant eingestellt. Er ist um drei Jahre jünger. Einen würdigeren Gast konnte es nicht geben. Zico hat in diesem Tempel 333 Tore erzielt. Die meisten für Flamengo. Sollte es Rekorde für die Ewigkeit geben, ist dieser ein heißer Kandidat. Eine Statue von Zico steht im Areal, das macht ihn stolz und demütig. "Es ist der Lohn dafür, dass ich mein Leben dem Fußball gewidmet habe."

Als Neunjähriger ist er zum ersten Mal im Maracanã gewesen, unvorstellbare Massen, "für ein Kind ein unvergessliches Abenteuer". Das neue, kleinere gefalle ihm besser als das alte, größere. "Weil das Alte schon kaputt war." Als passendes Geburtstagsgeschenk fiel ihm das famose Tor von Lionel Messi gegen Bosnien ein. "Nur das Maracanã hat sich so einen schönen Treffer verdient." Zico erhofft sich ein Finale zwischen Brasilien und Argentinien. "Das wäre der Höhepunkt einer jetzt schon außergewöhnlichen WM. Die Philosophie, erst Tore zu schießen und dann zu verteidigen, hat sich überall durchgesetzt."

Es ist ein Kommen und Gehen in Rio de Janeiro und im Maracanã. Am Sonntag stattete Messi seinen Höflichkeitsbesuch ab, am Montag war er weg. Am Dienstag sind die von den Niederländern mit 1:5 gedemütigten Spanier eingetroffen. Um am Mittwoch (21 Uhr, ORF 1) hier gegen die Chilenen, die auch schon in der Stadt sind, zu spielen. Das Maracanã könnte Schauplatz einer Götterdämmerung werden. Im Falle einer Niederlage wäre der amtierende Weltmeister und Europameister von 2008 und 2012 gescheitert. Viermal hat ein Titelverteidiger die Vorrunde nicht überstanden. Italien 1950 und 2010, Brasilien 1966 (ein Tabuthema) und Frankreich 2002. Aber noch ist das Ei nicht gelegt.

Teamchef Vicente del Bosque sagte einmal: "Es gibt viel Gutes in Spanien, aber der Fußball ist das Wichtigste. Es ist die Lokomotive für das Land." Der Zug droht zu entgleisen. "Es gewinnt nur der, der bescheiden und intelligent ist." Die Intelligenz passt, Verteidiger Piqué hat einen Quotienten von 140. Der 63-jährige del Bosque ist vom Happy End offiziell überzeugt. "Wir haben die Reife, um zu bestehen."

Eine "Jetzt-erst-recht-Mentalität" scheint sich in der "Furia Roja", der roten Bestie, aufzubauen. Wobei Fernando Torres ein wenig zu weit gegangen sein dürfte. "Wir sind besser als 2010", hat er gesagt. Ohne rot im Gesicht zu werden, sogar die Nase behielt ihre Form. Cesc Fàbregas neigt auch zur Übertreibung. "Es geht um Leben und Tod."

Überlebensstrategie

Eine Überlebensmaßnahme könnte sein, wenig bis gar nichts zu verändern. Verbandspräsident Ángel María Villar stärkte del Bosque den Rücken, dabei wurde er von niemandem angezählt.

Auch Goalie Iker Casillas, den sie "San Iker" nennen, wird dabei sein. Einen Kapitän stellt man nicht spontan ins Abseits. Obwohl der 33-Jährige den zumindest zwischenzeitlichen Fall wie kein Zweiter symbolisierte. Es sah traurig aus, wie er im Regen von Salvador Robben und Van Persie hinterhergekrabbelt ist. Del Bosque: "Er hat sich danach wie ein wahrer Kapitän verhalten." Xavi wurde gefragt, ob es nicht zum Tiqui-taca, dem Kurzpassspiel mit Ballbesitz, eine Alternative gebe. "Nein. So spielen wir, so sterben wir." Chile vermochte beim 3:1 gegen Australien nicht restlos zu überzeugen. Del Bosque hofft, "dass sie selbstmörderischen Druck ausüben wollen". Womit Spanien gerettet wäre.

Die Erinnerungen ans Maracanã sind unschön. 2013 ging das Confed-Cup-Finale mit 0:3 an Brasilien verloren. Bei der WM 1950 setzte es ein 1:6 gegen die Gastgeber. Rio ist ein Kommen und Gehen. Spanien reist bald ab, bestreitet das letzte Gruppenspiel am 23. Juni in Curitiba gegen Australien. Als Nächstes gratulieren am Sonntag Belgien und Russland dem Maracanã. Auch sie müssen wieder ziehen. Zicos Statue bleibt. (Christian Hackl aus Rio de Janeiro, DER STANDARD, 18.6.2014)

Gruppe B (2. Runde):

Spanien - Chile (Mittwoch, 21.00 Uhr MESZ, Rio de Janeiro, Maracana, SR Mark Geiger/USA)

Mögliche Aufstellungen

Spanien: 1 Casillas - 22 Azpilicueta, 4 Martinez, 15 Ramos, 18 Alba - 14 Alonso, 16 Busquets - 17 Koke, 8 Xavi, 6 Iniesta - 19 Costa

Ersatz: 12 De Gea, 23 Reina - 2 Albiol, 3 Pique, 5 Juanfran, 10 Fabregas, 20 Cazorla, 21 Silva, 7 Villa, 9 Torres, 11 Pedro, 13 Mata

Fraglich: 12 De Gea (Muskelprobleme im Gesäßbereich)

Teamchef: Vicente del Bosque

Chile: 1 Bravo - 4 Isla, 17 Medel, 18 Jara, 2 Mena - 21 Diaz - 20 Aranguiz, 10 Valdivia, 8 Vidal - 7 Sanchez, 11 Vargas

Ersatz: 12 Toselli, 23 Herrera - 3 Albornoz, 13 Rojas, 5 Silva, 6 Carmona, 15 Beausejou, 16 Gutierrez, 19 Fuenzalida, 9 Pinilla, 14 Orellana, 22 Paredes

Teamchef: Jorge Sampaoli (ARG)

  • Spaniens Trainer Vicente del Bosque hatte nach der 1:5-Abfuhr gegen die 
Niederlande viel mit Goalie Iker Casillas zu beplaudern. An seinem 
33-jährigen Kapitän, den die Fans "San Iker" rufen, hält del Bosque aber
 weiter fest.
    foto: apa/martin

    Spaniens Trainer Vicente del Bosque hatte nach der 1:5-Abfuhr gegen die Niederlande viel mit Goalie Iker Casillas zu beplaudern. An seinem 33-jährigen Kapitän, den die Fans "San Iker" rufen, hält del Bosque aber weiter fest.

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