In der Champions League der Forschung

17. Juni 2014, 18:10
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Der Genetiker Josef Penninger hat am Montag den Wittgenstein-Preis gewonnen - Der Preis ist die jüngste Anerkennung für Forscher vom Vienna Biocenter 

Gurten ist ein Ort im Bezirk Ried im Innkreis mit gerade einmal etwas mehr als 1000 Einwohnern. Der berühmteste Sohn der Gemeinde heißt Josef Penninger und ist Österreichs international bekanntester Genetiker. Am Montag erhielt er als jüngste Anerkennung für seine Leistungen den Wittgenstein-Preis, den wichtigsten Wissenschaftspreis des Landes.

Fast so stolz wie über seinen Preis scheint Penninger in einem Gespräch am Rande der Preisvergabe darüber, dass der Fußballverein von Gurten dieses Jahr die oberösterreichische Meisterschaft gewonnen hat und nächstes Jahr in einer Liga mit Klagenfurt, Villach, Linz oder Steyr spielen wird.

Josef Penninger ist nämlich auch leidenschaftlicher Fußballspieler und -fan. Die wichtigste Nebensache der Welt hält für ihn "Lektionen fürs Leben bereit", wie er sagt. Und sie dient ihm auch als Metapher dafür, um über Forschung zu sprechen, Penningers erklärte Hauptsache.

Ähnlich wie der Fußballverein von Gurten ist auch das von ihm seit 2003 geleitete Institut für molekulare Biotechnologie (Imba) erfolgreicher, als man aufgrund der Größe erwarten würde. Penningers erklärtes Ziel war dabei freilich von Beginn an, einmal in der Champions League der Forschung mitzuspielen.

Nur elf Jahre nach Gründung des Instituts, das als Ges.m.b.H. organisiert ist und zur Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gehört, scheint dieses Ziel bereits erreicht - beileibe nicht nur wegen Penningers jüngster Auszeichnung. Zahlreiche neue Erkenntnisse aus dem Imba oder aus dem benachbarten Institut für molekulare Pathologie (IMP) schmückten in den vergangenen Jahren die Titelseiten der weltweit wichtigsten Fachzeitschriften wie Cell, Nature oder Science.

Spektakulärstes Beispiel aus jüngster Zeit: Forschern um Jürgen Knoblich, dem Vizedirektor des Imba, gelang es, aus Stammzellen menschliche Minihirne im Labor zu züchten. Die aufsehenerregende Entwicklung war eine der wichtigsten des Jahres 2013 und schaffte es auch in die Schlagzeilen internationaler Medien.

Am Beginn stand "Horny"

Dort, wo heute Weltklasseforschung betrieben wird, war vor drei Jahrzehnten freilich noch wissenschaftliches Niemandsland: Auf dem Gelände im dritten Wiener Gemeindebezirk hatte sich zuvor ein Siechenhaus, eine Brauerei, ein Schlachthof und zuletzt die Radiofabrik Hornyphon des Unternehmens Philips befunden. Als Anfang der 1980er-Jahre das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim (BI) und der US-Gentechnologie-Pionier Genentech ein Forschungsinstitut gründen wollten, fiel die Wahl aufgrund glücklicher Umstände auf Wien. Die entscheidende Projektmappe trug übrigens den Titel "Horny".

Aus den "Horny"-Plänen entstand das 1988 eröffnete IMP in der Dr.-Bohr-Gasse, das sich dank hoher Investitionen prächtig entwickelte und nicht lang allein auf weiter Flur blieb: Die Gründerväter hatten klugerweise eine enge Anbindung an die Uni sowie neue Lehrstühle eingefordert. Und die Politik hielt die Versprechungen.

Ab 1993 siedelten sich am Campus Vienna Biocenter (VBC) die ersten Uni-Institute an, 1997 folgte mit Intercell (seit 2013 Valneva) eine erste private Biotech-Firma. Vor elf Jahren kamen das Gregor-Mendel-Institut (GMI) und das Imba unmittelbar neben dem IMP dazu, ein Inkubator ist in Planung.

"Unser Campus ist ein gutes Beispiel, wie sich Dinge erfolgreich entwickeln können", sagt Imba-Direktor Josef Penninger mit einigem Understatement. Wahrscheinlich ist es das beste österreichische Beispiel des vergangenen Vierteljahrhunderts. Und womöglich ist es kein Zufall, dass am Beginn dieser Erfolgsgeschichte eine private Initiative ohne großen Masterplan stand.

Heute ist der Campus Vienna Biocenter, an dem rund 1400 Wissenschafter und 700 Studierende aus rund 40 Ländern arbeiten, fraglos eines der europaweit führenden Cluster im Bereich der Lebenswissenschaften. Der VBC umfasst mittlerweile auch eine Fachhochschule, mehr als ein Dutzend Biotech-Unternehmen wie die Penninger-Gründung Apeiron sowie eine gemeinsame, hochmoderne Forschungsinfrastruktur, die sich im internationalen Vergleich sehen lassen kann.

Ein Viertel aller Toppreise

Dass am VBC damit Spitzenforschung betrieben wird, zeigt sich auch daran, dass Josef Penninger der bereits siebente Forscher des VBC ist, der einen Wittgenstein-Preis erhielt. Damit beträgt der Anteil von Imba- und IMP-Mitarbeitern unter den Wittgenstein-Gewinnern knapp 25 Prozent - dabei haben die beiden Institute gemeinsam gerade einmal 450 Mitarbeiter. Ähnlich hoch ist die VBC-Quote bei den mehr als 100 prestigeträchtigen Grants des Europäischen Forschungsrats. Penninger hat den hochdotierten Advanced Grant des ERC als einer der wenigen Forscher in Europa bereits zweimal gewonnen.

Dass es nun mit dem IST Austria ein weiteres Institut mit ähnlich hohen Zielen gibt, findet Penninger "toll". Für sein Institut und das VBC insgesamt würde er sich eine ebenso langfristige Finanzierung wünschen. "Noch sind wir ein bisschen wie ein kleines Dorf, das versucht, Wunder zu vollbringen", sagt Penninger ein wenig in Anspielung auf den fußballerischen Erfolg von Gurten. Für eine erfolgreiche Zukunft sei es wie bei Spitzenklubs nötig, weiterhin die besten Leute zu holen. Denn Penninger will sich weiterhin ganz oben in der Champions League behaupten und nicht - wie Gurten - in der Regionalliga West. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 18.6.2014)

  • "Ein gutes Beispiel, wie sich Dinge erfolgreich entwickeln können": 
Josef Penninger, Direktor des Instituts für molekulare Biotechnologie, 
in seinem Labor. 
    foto: corn

    "Ein gutes Beispiel, wie sich Dinge erfolgreich entwickeln können": Josef Penninger, Direktor des Instituts für molekulare Biotechnologie, in seinem Labor. 

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