Die Krankenpfleger aus Plastik und Stahl

20. Juni 2014, 11:23
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Sie spüren Demenzkranken nach, verteilen Medikamente und hieven gebrechliche Patienten aufs Bett: Serviceroboter werden im Gesundheitswesen schon bald unverzichtbar sein

Wien - Die Zukunft ist giftgrün, 1,75 Meter groß und hört auf den Namen Henry. Seit kurzem dreht der vollautonome Roboter seine Runden im Wiener Haus der Barmherzigkeit. Dort soll Henry Fluchtwege registrieren, bodennahe Hindernisse melden und verirrte Patienten wiederfinden. Ein zwölf Gigabyte großer Arbeitsspeicher, Lasersensoren und zwei integrierte 3-D-Kameras helfen ihm dabei.

Insgesamt neun Millionen Euro investiert die EU in das auf vier Jahre angelegte Strands-Projekt (die Buchstaben stehen für Spatio-Temporal Representations and Activities for Cognitive Control in Long-Term Scenarios). Neben der TU Wien und der Akademie für Altersforschung am Haus der Barmherzigkeit sind auch Institutionen aus Deutschland, England und Schweden involviert.

Ziel ist es, intelligente Roboter zu entwickeln, die sich abseits künstlicher Laborsituationen in menschliche Umgebungen einfügen können - etwa Pflegeheime oder Bürogebäude. Henry fungiert im Grunde als eine Art Hausmeistergehilfe. Damit hebt er sich entschieden von marktüblichen Robotern ab, die man einschaltet, die ihre Aufgaben erledigen und sich dann wieder in den Stand-by-Modus verabschieden.

Denn Henry führt ein regelrechtes Eigenleben: Er trifft autonom Entscheidungen, passt sich an seine Umgebung an und fährt abends selbstständig zurück in die Aufladestation.

Wenn der 75 Kilogramm schwere Roboter beispielsweise mitbekommt, dass stets zur Mittagszeit viele Patienten durch den Gang zum Essen schreiten, wird er es für sinnvoll erachten, währenddessen mit seinen Patrouillen zu pausieren. Und sobald er von Patienten für längere Zeit angestarrt wird, nähert er sich eigenständig und stellt sich mit seiner integrierten Sprachausgabe vor. Zudem benötigt Henry keinerlei Wartung, sondern kann über Monate ungestört seinen Dienst verrichten.

"Robotik wird in Zukunft einen ganz wichtigen Stellenwert haben - natürlich auch im Gesundheitswesen. Sie kann sehr zur Erleichterung der schweren Pflegeberufe beitragen", sagt Christoph Gisinger, ärztlicher Leiter des Haus der Barmherzigkeit. "Die menschliche Kompetenz werden sie dennoch nie ersetzen können."

Das ist eine ziemlich europäische Sichtweise - am anderen Ende des Globus wird nämlich bereits auf Hochtouren daran geforscht, um genau das zu erreichen.

Japan bietet geradezu paradiesische Bedingungen für Pflegeroboter: Die ostasiatische Gesellschaft hat mit mehr als 82 Jahren die höchste Lebenserwartung der Welt, gleichzeitig aber eine der niedrigsten Geburtenraten. In keinem anderen Land altert die Bevölkerung derart schnell: Schon heute ist knapp ein Viertel der Bevölkerung über 65 Jahre alt, im Jahr 2030 wird es bereits ein Drittel sein.

Serienproduktion bis 2016

Am Arbeitsmarkt sind die Auswirkungen der Überalterung bereits deutlich zu spüren, am drastischsten jedoch klaffen Angebot und Nachfrage in der Pflegebranche auseinander. Bis 2020 rechnet die japanische Regierung mit einem Mangel von mehr als 400.000 Fachkräften. Doch statt mit Arbeitsmigration dieser Entwicklung gegenzusteuern, verfolgt sie eine ganz andere Strategie: Pflegeroboter sollen den Personalmangel kompensieren.

Derzeit subventioniert der Staat bereits zwei Drittel aller Forschungsausgaben in diesem Bereich, allein im Jahr 2013 hat Premier Shinzo Abe umgerechnet 17,6 Millionen Euro für entsprechende Projekte bereitgestellt. Das dortige Wirtschaftsministerium rechnet bis 2035 mit Umsätzen von bis zu 3,1 Milliarden Euro - allein für den japanischen Markt.

Bis 2016 sollen insgesamt vier Assistenzroboter in Produktion gehen, die allesamt unter 1000 Euro kosten werden: Darunter ein Überwachungsroboter, der Demenzkranken nachspürt; ein batteriebetriebener Trolley, der Gebrechlichen beim Gehen hilft; eine sich selbst reinigende Betttoilette sowie ein batteriebetriebenes Skelett, das die Muskelanstrengung seines Trägers registriert und verstärkt. Der Hersteller Cyberdyne aus Tsukuba hat bereits 330 solcher Modelle an Spitäler und Pflegeeinrichtungen in ganz Japan verkauft.

Ebenso aus Japan stammt der weltweit erste Pflegeroboter, der von der neuen ISO-Sicherheitsnorm zertifiziert wurde: Ein von Panasonic entwickeltes Roboterbett, das sich in einen Rollstuhl umwandeln kann. Es ist direkt auf die Bedürfnisse des Pflegepersonals abgestimmt, von dem fast 80 Prozent über Rückenschmerzen klagt.

Eine zentrale Frage wird sein, inwiefern Robotik überhaupt von den Menschen als Pflegehilfe angenommen wird. Gerade in Europa, dessen Bürger im Schnitt weit weniger technikbegeistert sind als jene aus Ostasien, dürften Pflegeroboter durchaus beängstigende Vorstellungen auslösen.

Das Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA) hat dazu mehrere Studien durchgeführt, sowohl mit Entscheidungsträgern als auch Bürgen. Deren größte Ängste würden vor allem ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben betreffen. "Überwachungsroboter bieten natürlich eine gewisse Sicherheit für Demenzkranke, aber unter dem Aspekt der Privatsphäre betrachtet wird es schon problematisch", sagt Leo Capari, Humanökologe am ITA. Pflegerobotik wird einen gesellschaftlichen Diskurs über solche moralischen Fragestellungen nötig machen.

In den besonders gehobenen Pflegeheimen Japans wird man übrigens auch weiterhin keine Roboter finden können: Dort, wo die Patienten viel Geld für ihre Pflege zahlen, erwarten sie, dass sich echte Menschen um sie kümmern. (Fabian Kretschmer, DER STANDARD, 18.6.2014)

  • Das ungleiche Paar aus dem Film "Robot & Frank" aus dem Jahr 2012 zeigt vor, wie eine Mensch-Maschine-Beziehung im Alter funktionieren könnte.
    foto: constantin filmverleih

    Das ungleiche Paar aus dem Film "Robot & Frank" aus dem Jahr 2012 zeigt vor, wie eine Mensch-Maschine-Beziehung im Alter funktionieren könnte.

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