Prozess um Geldtransporter: Der räuberische Engel und die Prophezeiung

17. Juni 2014, 17:17
10 Postings

Ein Ex-Polizist und seine Komplizin sind wegen des Überfalls auf einen Geldtransport vor Gericht. Die Beute war für ein Sozialprojekt bestimmt

Wien – "Ich habe ihm den Spitznamen ,Engel‘ gegeben", sagt Tamara S. über Gabriel E., der neben ihr auf der Anklagebank vor dem Schöffensenat unter Leitung von Claudia Zöllner sitzt. Die himmlische Bezeichnung hat sich der 49-jährige ehemalige Wega-Polizist verdient, da er der 35 Jahre alten Frau in ihren Lebenskrisen immer zur Seite gestanden ist.

Blöderweise hat er die ehemalige Mitarbeiterin einer Geldtransportfirma auch gefragt, ob sie bei einem Raubüberfall mitmachen wolle. Sie wollte, nun sind beide wegen schweren Raubes vor Gericht. Die Strafdrohung: fünf bis 15 Jahre.

An dem Fall ist unter anderem das Motiv ungewöhnlich: "Ich war von meinem Traum, Kindern zu helfen, so besessen, dass ich nicht einmal mehr Rücksicht auf meine Familie genommen habe", sagt der Zweitangeklagte weinend bei seiner Befragung.

Spendenunwillige Reiche

Der durchaus erfolgreiche Unternehmer und Familienvater wollte nämlich ein Kinderdorf in Afrika gründen. Sponsoren fand er dafür nicht. "Ich war auch getrieben von der Frustration, dass sich die Reichen in Österreich und der Schweiz nicht daran beteiligen wollten", sagt er nun.

An dieser Stelle kommt ein weiterer Ex-Wega-Beamter ins Spiel, der wegen seiner Beteiligung an der Folterung von Bakary J. in die Privatwirtschaft wechseln musste. Der war ein Freund von E., Sicherheitschef bei der Transportfirma und vermittelte ihm diverse Aufträge.

Gleichzeitig war er der Liebhaber der Erstangeklagten S., die er mit E. bekannt machte. Man besuchte gemeinsam auch eine Kirche, in der S. esoterische Prophezeiungen gemacht wurden: "Dass ich glücklich werde, eine große Reise machen und viele Kinder haben werde", erzählt sie.

Katastrophale Sicherheitslücken

Aus heiterem Himmel habe sie der Zweitangeklagte in einem Restaurant gefragt, ob bei ihrer Ex-Firma kein Geld zu holen wäre. Nach kurzer Bedenkzeit war sie dabei. Die Sicherheitsvorkehrungen dort waren, gelinde ausgedrückt, abenteuerlich. Obwohl schon vor Monaten gekündigt, konnte sie unbehelligt in das Gebäude und im Computernetzwerk die detaillierten Tourenpläne der Geldkuriere ausspähen.

Nach einem halben Jahr Planung überfiel das Duo am 23. Dezember 2013 zwei Boten, die in Wien Bankomaten befüllen wollten. Die noch immer mitgenommenen Opfer schildern im Zeugenstand ihre Todesangst – die beiden Angeklagten sagen, sie hätten sich wenig Gedanken darüber gemacht.

E. versteckte die erbeuteten drei Millionen Euro bei seinen Schwiegereltern. Was er noch am Tattag von seinem Freund, dem Sicherheitschef, erfuhr: S. war von der Bankomatkamera gefilmt worden, im Jänner wurden beide festgenommen.

Die von den Verteidigern Klaus Ainedter und Christine Lanschützer erbetene außerordentliche Strafmilderung gibt es nicht: acht Jahre, nicht rechtskräftig.

Mildernd seien das Geständnis und die Unbescholtenheit, begründet Zöllner. Das Motiv sei vielleicht edel, aber: "Der Beweggrund ist nicht beachtenswert. Das ist sicher keine Lösung, um Kindern in Afrika zu helfen." (Michael Möseneder, DER STANDARD, 18. 06. 2014)

Share if you care.