"Ich muss nicht nachschauen, habe alles im Kopf"

18. Juni 2014, 09:51
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Der journalistische Doyen ist am Sonntag am Ring in Spielberg - Was er zur Formel 1 zu sagen hat

STANDARD: Wie viele der steirischen Rennen haben Sie versäumt?

Prüller: Gar keines. Ich glaube, es gibt überhaupt nur drei Leute, die von Anfang an dabei waren. In allererster Linie der Martin Pfundner, ohne den es die Formel 1 in Österreich nie gegeben hätte. Der Zweite ist der Helmut Zwickl, ein Kollege von mir, damals "Kurier". Und dann halt ich.

STANDARD: Ab wann haben Sie fürs Fernsehen kommentiert?

Prüller: Wir haben schon die Sportwagenrennen übertragen in den Sechzigerjahren, aber so richtig ging es 1970 los. Ich habe geplaudert, der Helmut Zwickl hat den Boxenreporter gemacht. Das war nicht so einfach wie heute. Der Helmut hatte einen Aktionsradius von zehn Metern. Er hing am Mikrofonkabel wie ein Hund an der Kette. Das Training haben wir mit Film gemacht, mit den Rollen mussten wir nach Graz fahren ins Funkhaus, den Film zusammenschneiden und nach Wien überspielen. Heute drückt man auf den Knopf, und alles ist live.

STANDARD: Hat die technische Entwicklung auch die Art des Kommentierens verändert? Heute erzählen die Bilder nahezu alles. Früher brauchte man dazu einen Heinz Prüller.

Prüller: Die Rennen wurden lange in Schwarz-Weiß übertragen. Ein dunkelblauer Tyrrell und ein dunkelroter Ferrari haben gleich ausgeschaut. Da muss man erzählen.

STANDARD: Ihr zum Kult gewordenes Markenzeichen war der sprudelnde Redefluss. War so was früher notwendiger als heute?

Prüller: Wenn es spannend ist, braucht man kein Gschichtl, klar. Wenn aber dann einmal ein großer Außenseiter plötzlich in Führung liegt, zum ersten Mal in seiner Karriere, dann muss man sagen: Wer ist der, wo kommt der her, wie ist so etwas möglich? Also zum Beispiel, wenn der Robert Kubica, ein Pole, plötzlich auf dem Siegespodest steht (2008 in Montreal, Anm.), und jeder fragt sich: Wie ist das möglich, ein Fahrer aus dem Ostblock im Milliardärssport Formel 1? Dann muss man erzählen, wer der Herr Kubica ist. Und dass er nicht der erste Pole ist, der ein berühmter Rennfahrer geworden ist. Da gab es einen, der Swarovski hieß, mit einer Überlebenden der Titanic verheiratet war und dessen Sohn mit dem Tschitti Tschitti Bäng Bäng gefahren ist, diesem roten Auto, das für alle ein Begriff war. Das sind dann die Momente, in denen man so was erzählen muss.

STANDARD: Kommentieren Sie heuer in Spielberg wieder für Sky?

Prüller: Nein. Kaum hat mich der ORF nicht mehr gewünscht, hat mich Sky angerufen, ich habe eine eigene Österreich-Leitung gehabt. Aber das war nur für ein Jahr.

STANDARD: Ich frage deshalb, weil Geschichten wie die über Kubica ...

Prüller: ... nanana. Es gibt Parodisten, aber jeder, der im Fernsehen auftritt, macht Fehler. Ich habe zum Beispiel einmal gesagt: Jetzt sind von den 17 Runden nur noch 77 zu fahren. Freud'sche Versprecher. Die Rennen selbst, da hat es keine Fehler gegeben. Aber Ihre Frage war, glaube ich, eine andere. Was wollten Sie wissen?

STANDARD: Ob Sie auf einem TV-Sender zu hören sind.

Prüller: Nein, bin ich nicht. Aber was Sie gefragt haben wegen der Parodisten: Wenn man sagt, der Prüller erzählt: "Das ist der Nick Heidfeld, von dem seiner Nachbarin die Großmutter hat eitrige Zehennägel" - so weit geht es bei mir natürlich nicht. Aber es ist halt ein sehr detailreiches Wissen, das ich habe, ein Wissen, das nicht aus dem Computer kommt, sondern das habe ich von den Leuten selber oder aus eigenem Erleben. Ich muss dazu nichts nachschlagen, ich habe das alles im Kopf. Die Dinge, die in gewissen Momenten wichtig sind, die sage ich dann.

Es hat zum Beispiel der arme Michael Schumacher in seiner Karriere ein paar Kollisionen gehabt - nicht viele, aber doch ein paar -, und das Interessante war: Seine Kollisionen sind alle in Rechtskurven passiert und immer gegen einen Williams. Jetzt fährt dann ein Ferrari gegen einen Williams, zum Beispiel der Schumacher gegen den Villeneuve, den Sohn vom Villeneuve, um die Weltmeisterschaft, und die stehen am Start nebeneinander: Da kann schon was passieren. Und es ist passiert zwischen dem Schumacher und dem Villeneuve, dem Jacques, im WM-Finale in Jerez 1997, wo der Schumacher ihm ins Auto gefahren ist, und zwar absichtlich, es war sehr kritisch damals, es hat Missstimmung gegeben.

Um es Ihnen ganz kurz zu sagen: Der Schumacher hat in Brasilien einen schweren Unfall gehabt durch einen Bremsdefekt, bei 300, und ich habe ihn gefragt: "Was hast du dir da gedacht? Wie hast du reagiert? Was hast du gemacht?" - "Ach", sagt er, "ich habe mich überhaupt nicht geschreckt. Ich bin auf alles vorbereitet, was in einem Rennwagen passieren kann. Wenn plötzlich der Motor brennt oder wenn ich ein Rad verliere oder wenn der Flügel wegfliegt oder was auch immer - ich weiß sofort, was ich zu tun habe, ich muss nicht nachdenken. Ich habe keine Schrecksekunde." Und da habe ich gesagt: "Du hast also immer, wenn was passiert, ein Mikro in deiner Schreibtischlade, und das holst du gedanklich raus in dem Moment und sagst dir das?" Sagt er: "Ja, so ist es, darum schrecke ich mich nicht."

STANDARD: Sie haben auch so ein Mikro?

Prüller: Man muss das ja doch den Menschen alles näherbringen. Für mich sind das nie nur bloße Startnummern gewesen. Und weil ich das nicht aufgeschrieben habe, weil ich das im Hirn habe, muss ich bei der Übertragung auch nicht nachschauen. Heute gibt es Kunstpausen bei den Übertragungen, in allen Sendern, wo man direkt das Blättern hört. Dann kommt was Statistisches. Aber es gibt so viele interessante Hintergründe. Nur zum Beispiel, weil Sie mich fragen: Flughafen Zeltweg. Da war 1964 der erste WM-Grand-Prix, den hat Lorenzo Bandini mit dem Ferrari gewonnen. Der große Champion damals war Jim Clark. Und die menschliche Geschichte ist, dass Bandinis Frau Margherita nie mitgekommen ist zu den Rennen. Er wollte das nicht, hat abergläubische Angst gehabt, sie bringt ihm Unglück.

In Zeltweg 1964 gewinnt er dann aber seinen ersten - und leider einzigen (Todessturz 1967 in Monte Carlo, Anm.) - Grand Prix. Riesenstimmung, Siegerehrung, Menschen am Podest. Er schaut runter. Und wen sieht er? Seine Frau! Die jubelt und winkt ihm zu. Der Jim Clark hat nämlich das Geheimnis mit dem Aberglauben gekannt und hat die Frau von Bandini hineingeschmuggelt, ohne dass es der Lorenzo gewusst hat. Kann man sich das heute vorstellen, dass, sagen wir, der Alonso die Frau vom Vettel in die Boxen schmuggelt?

Das hat sich alles geändert, auch das Verhältnis zwischen Journalisten und Fahrern. Früher war das ein kleiner Kreis, man war zusammen, man hat gemeinsam gegrillt, war am Wörthersee Wasserski fahren. Ich erinnere mich: Ich war einmal eine Woche in den Ferien in Acapulco mit dem Jochen Rindt und dem Bernie Ecclestone und den dazugehörigen Frauen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es das heute noch irgendwo gibt. Es war eine andere Zeit und eine andere Welt.

STANDARD: Wie wird das Rennen am Sonntag ausgehen?

Prüller: Mercedes ist sicher Favorit. Red Bull ist nähergekommen in der letzten Zeit und mit dem Sieg von Ricciardo. Und Ferrari wird irgendwann gewinnen müssen, schon wegen der Vorstimmung vor Monza im September. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 18.6.2014)

Heinz Prüller (73) aus Wien ist seit seiner Jugend Motorsportjournalist. Bis 2011 kommentierte er Formel-1-Rennen fürs TV, bis 2008 für den ORF (rund 650). Der Autor von mehr als 60 Büchern schreibt noch in der "Kronen Zeitung".

  • Heinz Prüller, mittlerweile 73-jährig.
    foto: apa/pfarrhofer

    Heinz Prüller, mittlerweile 73-jährig.

  • Der vorletzte Kanzler applaudierte 2003 dem bis Sonntag letzten  Sieger eines GP von Österreich. Über Wolfgang Schüssel gibt es zwar auch  Geschichten - aber solche, die Heinz Prüller über Michael Schumacher zu  erzählen weiß, vermutlich nicht.
    foto: apa/techt

    Der vorletzte Kanzler applaudierte 2003 dem bis Sonntag letzten Sieger eines GP von Österreich. Über Wolfgang Schüssel gibt es zwar auch Geschichten - aber solche, die Heinz Prüller über Michael Schumacher zu erzählen weiß, vermutlich nicht.

  • Der 1970 in Monza verunglückte Jochen Rindt, dem man in Spielberg auch  mit einer Kurve ein Denkmal gesetzt hat, wurde posthum Weltmeister. Er  war Österreichs erstes Formel-1-Idol - und Heinz Prüller war sein  wortgewaltiger Prophet.
    foto: apa/scheriau

    Der 1970 in Monza verunglückte Jochen Rindt, dem man in Spielberg auch mit einer Kurve ein Denkmal gesetzt hat, wurde posthum Weltmeister. Er war Österreichs erstes Formel-1-Idol - und Heinz Prüller war sein wortgewaltiger Prophet.

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