Ströck und Mann: Hoffnung auf mehr Lohn

17. Juni 2014, 15:21
206 Postings

Lohnstreit bei den Bäckern Ströck und Mann: Die Wirtschaftskammer unterstützt die Gewerkschaft

Wien - Zu den Großen wollen bei den Bäckern nur wenige gehören. Lediglich Ankerbrot und Ölz sind derzeit als sogenannte "Großbäcker" eingestuft und wenden somit den (teureren) Kollektivvertrag für Industriebäcker an. Die Gewerkschaft ist seit langem der Ansicht, dass auch Ketten wie Ströck und Mann ihre Mitarbeiter nach dem Großbäcker-KV bezahlen müssten. In einem aktuellen Streitverfahren bekommt sie nun überraschend Rückendeckung von Teilen der Wirtschaftskammer.

Aber der Reihe nach: Die Gewerkschaften GPA und PRO-GE haben im Vorjahr eine Aufsichtsbeschwerde gegen Ströck und Mann bei der Wirtschaftskammer Wien eingebracht. Nachdem sich die WKO-Sparte Gewerbe und die Gewerkschaft nicht einigen konnten, wanderte das heikle Thema zur Bundeswirtschaftskammer. Da es auch dort keinen Konsens gab, liegt die Entscheidung nun beim Wirtschaftsministerium, das voraussichtlich im Herbst entscheiden wird.

Kleinbäcker?

Die Bundessparte Gewerbe stellte sich stets hinter Ströck und Mann. Sie ist der Meinung, dass es sich bei den Unternehmen, die im Vorjahr den Mitarbeiterstand mit 1780 bzw. 800 angaben, um handwerkliche Bäckereien handelt, sodass zu Recht nach dem KV für Kleinbäckereien entlohnt werde.

foto: corn
Ströck ist der Ansicht, dass in den Firmen handwerklich gebacken wird.

Ganz anders sieht das allerdings die Industriesparte in der Wirtschaftskammer, die auf einer Linie mit der Gewerkschaft ist. Die Fachgruppe Lebensmittelindustrie hat ein Gutachten bei der auf Arbeitsrecht spezialisierten Kanzlei Wolf Theiss in Auftrag gegeben. In dem Papier, das dem STANDARD vorliegt, heißt es unmissverständlich, sowohl Mann als auch Ströck würden "in Form eines Industriebetriebes" geführt. Verwiesen wird auf die Serienproduktion, typisierte Dienstleistungen, Automation – "alles Charakteristika eines Großbetriebes". Auch die Unternehmensstruktur, sprich der hohe Kapitaleinsatz und die Führungsorganisation, ist für Wolf Theiss ein klarer Beleg für einen Industriebetrieb.

faksimile: standard

Das Resümee in dem Gutachten: "Das sich insgesamt ergebende Bild einer industriellen Fertigung spiegelt sich in vielen Kenngrößen – wie beispielsweise das Wachstum von Umsatz, Mitarbeiterzahl und Filialen – wider: Die Betriebe haben (steigende) Umsätze in zwei- und dreistelliger Millionenhöhe in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten zu verzeichnen, beschäftigen jeweils Mitarbeiter weit über der 250-Arbeitnehmer-Grenze für Klein- und Mittelunternehmen und weisen ein dichtes – weit expandierendes – Filialnetz verbunden mit statthaften jährlichen Millioneninvestitionen auf.“

faksimile: standard

Nicht den Denkgesetzen entsprechend

Vernichtend fällt die Beurteilung eines gegenteiligen Gutachtens der Gewerbesparte aus. Dieses könne "unseres Erachtens keinesfalls als Entscheidungsgrundlage dienen, da es weder schlüssig noch widerspruchsfrei und den Denkgesetzen entsprechend ist", wie es in dem 24-seitigen Papier von Wolf Theiss heißt.

faksimile: standard

In der zuständigen Sparte Lebensmittelindustrie will man sich angesichts des noch laufenden Verfahrens nicht näher äußern. Betont wird allerdings: "Es geht um Fairness am Markt. Das bedeutet aus Sicht der Industrie, dass gleiche Sachverhalte gleich behandelt werden."

Sollte es zu einem Wechsel des Kollektivvertrages kommen, würde das für die Mitarbeiter bessere Konditionen bedeuten: Im Industrie-KV ist die Bezahlung – je nach Lohnkategorie – um bis zu 15 Prozent höher, die Normalarbeitszeit liegt nicht bei 40, sondern bei 38,5 Wochenstunden, und statt einer Kündigungsfrist von nur einem Tag gebe es bis zu 21 Wochen (je nach Betriebszugehörigkeit).

Sollte man vom Wirtschaftsministerium nicht recht bekommen, will der stellvertretende GPA-Bundesgeschäftsführer Karl Proyer, wie berichtet, zum Verwaltungsgerichtshof bzw. sogar zum Europäischen Gerichtshof gehen. Er gibt sich aber weiterhin gesprächsbereit: Die Gewerkschaft habe angeboten, einen neuen, gemeinsamen Kollektivvertrag für alle Bäckereibetriebe auszuarbeiten. Das sei aber bisher immer abgelehnt worden. Proyer: "Der Rückzug auf die Zünftestruktur ist im 21. Jahrhundert einigermaßen originell. Man wirft uns ja gern mangelnde Flexibilität vor. Im Vergleich zur Wirtschaftskammer sind wir aber geradezu ein Hort der Flexibilität." (Günther Oswald, DER STANDARD, 17.6.2014)

Share if you care.