Kein gemeinsames Gedenken in Sarajevo

17. Juni 2014, 14:08
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Die Vertreter Serbiens kommen am 28. Juni nicht nach Sarajevo, um des Attentats zu gedenken. Sie verweisen als Begründung auf eine Tafel an der ehemaligen Nationalbibliothek, zitieren sie aber falsch

Nun ist es fix. Bei den Gedenkveranstaltungen zum Attentat am 28. Juni in Sarajevo werden weder der serbische Premier Aleksandar Vučić noch der serbische Präsident Tomislav Nikolić anreisen. Österreich hatte sich stark dafür eingesetzt, dass die beiden dabei sind, auch um ein Zeichen der Versöhnung und des Friedens zu setzen. Am 28. Juni wird ja in dem neu renovierten alten Rathaus in Sarajevo, der berühmten Vijećnica, ein Konzert der Wiener Philharmoniker stattfinden. Vučić hatte zuletzt im Interview mit dem STANDARD angedeutet, dass er vielleicht nach Sarajevo kommen werde. Das Gedenken an das Attentat vor hundert Jahren wird in Bosnien-Herzegowina von manchen Seiten für politische Zwecke instrumentalisiert.

In Serbien verweisen Nikolić und Vučić in ihrer Begründung auf eine Tafel, die auf die Brandsetzung der Vijećnica im Jahr 1992 hinweist. Nikolić sagte laut dem serbischen Medium "B92", dass die Stadt Sarajevo entschieden habe, dass die Zeremonie in einem Gebäude stattfinden werde, auf dem geschrieben stehe, dass dies ein Platz sei, "wo serbische Kriminelle" und "wo der Aggressor und Tschetniks" Leute getötet hätten. Dies sei keine Art, wie "wir uns versöhnen werden", so Nikolić. Er könne nicht an einen Platz kommen, wo "seine Leute angeklagt" seien.

Tatsächlich steht allerdings auf der Tafel, die an der Vijećnica angebracht ist, nichts von Aggressoren oder Tschetniks oder davon, dass Menschen getötet wurden. Auf der Tafel steht lediglich: "Auf diesem Platz haben serbische Kriminelle in der Nacht von 25. auf 26. August 1992 die Nationalbibliothek und Universitätsbibliothek von Bosnien-Herzegowina in Brand gesetzt. Über zwei Millionen Bücher, Periodika und Dokumente lösten sich in den Flammen auf. Vergesst nicht, erinnert und warnt!" Der Brand der Vijećnica, die auch für die bosnische Multikulturalität steht, war für viele Sarajevoer ein Trauma. Nikolić selbst war sowohl im Kroatien-Krieg wie auch im Bosnien-Krieg als Tschetnik (Freischärler) aktiv. Es gibt Filmmaterial, das ihn als Tschetnik gemeinsam mit Vojislav Šešelj 1993 in Bosnien-Herzegowina zeigt. Nikolić sagte noch 2012 in einem Interview mit der "FAZ", dass er sich nicht "dafür schäme", dass er als Freiwilliger im Krieg war und dass ihm der "Titel eines Tschetnik-Führers verliehen" wurde.

Bereits im Jahr 2004 wurde der ehemalige General Stanislav Galić zu 20 Jahren Haft "wegen Verbreitung von Terror unter der Zivilbevölkerung während der Belagerung von Sarajevo" verurteilt. Die Belagerung der bosnischen Hauptstadt durch die Armee der Republika Srpska dauerte dreieinhalb Jahre. Galić wurde wegen "Beschusses" der Stadt und der Attacken der Sniper, die teils aus den Hochhäusern geschossen hatten, verurteilt. Die Begründung der Richter lautete, dass Militärkommandanten zwischen zivilen und militärischen Zielen unterscheiden und Attacken gegen Zivilisten vermeiden müssten. Terror gegen die Zivilbevölkerung ist nach Artikel 51 des Zusatzprotokolls der Genfer Konvention untersagt. Während der Belagerung von Sarajevo wurden 11.541 Menschen getötet, darunter viele Serben.

Auch der ehemalige Präsident der bosnischen Serben Radovan Karadžić und der ehemalige General der bosnischen Serben Ratko Mladić sind vor dem Haager Tribunal wegen Verbrechen während der Belagerung von Sarajevo angeklagt.

Auch Vučić zitierte übrigens die Tafel in seiner Begründung, weshalb er nicht nach Sarajevo kommen würde, unrichtig. Er sagte, dass er nicht neben einem Zeichen stehen könnte, das vom "faschistischen serbischen Aggressor" spreche. Davon ist aber auf der Tafel nichts zu lesen. Ein zusätzlicher Grund sei "das Skript für die Veranstaltung" und dass ein gemeinsames Gedenken eine gemeinsame Vorbereitung hätte bedeutet haben sollen, so Vučić. Insbesondere Frankreich hatte sich bereits vor vielen Monaten für eine gemeinsame Historikerkonferenz mit serbischen Historikern in Sarajevo eingesetzt, doch der Präsident der Republika Srpska (RS), Milorad Dodik, hat allen gemeinsamen Veranstaltungen in Sarajevo eine Absage erteilt. So werden die Vertreter der RS und Serbiens (unter anderem Vučić und Nikolić) am 28. Juni in der Museumsstadt Andrićgrad, die von dem Regisseur Emir Kusturica erbaut wurde, den St.-Veits-Tag und die Erinnerung an das Attentat begehen.

Indes gibt es in Sarajevo Empörung über eine andere Tafel, die im östlichen Teil direkt an der Grenze zwischen Sarajevo und Ost-Sarajevo in Erinnerung an Mladić kürzlich angebracht wurde. "An diesem Ort hat am 19. 5. 1992 der Kommandeur des Hauptstabs der Armee der Republika Srpska General Ratko Mladić eine Besichtigung von zwei Bataillonen des selbstorganisierten Volkes der Gemeinde Novo Sarajevo durchgeführt", steht an der Tafel geschrieben. Mladić ist unter anderem wegen des Genozids in Srebrenica angeklagt. Die Tafel wurde jüngst mit schwarzer Farbe überschüttet.

Für Aufregung sorgen auch Plakate, die an dem Eckhaus angebracht sind, wo Gavrilo Princip Franz Ferdinand erschossen hat. In dem Eckhaus befindet sich das Attentatsmuseum, und seit kurzem sind an den Hausmauern sowohl Gavrilo Princip als auch Franz Ferdinand zu sehen. Einige Sarajevoer Bürger äußerten ihre Ablehnung darüber, dass Gavrilo Princip gezeigt wird. (Adelheid Wölfl, derStandard.at, 17.6.2014)

  • Das Attentatsmuseum in einem Eckhaus von Sarajevo.
    foto: wölfl/standard

    Das Attentatsmuseum in einem Eckhaus von Sarajevo.

  • Tafel an der ehemaligen Nationalbibliothek.

    Tafel an der ehemaligen Nationalbibliothek.

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