Cornuel: "Manche Professoren wollen gar nicht unterrichten"

Interview17. Juni 2014, 13:49
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WU-Rektor Christoph Badelt und Management-Professor Eric Cornuel über zu wenig Lehre und "kriminelle" Politiker

derStandard.at: Ich habe Ihnen einen Brief mitgebracht. Den Brief der "International Student Initiative for Pluralism", in dem Studenten der Wirtschaftswissenschaften mehr Pluralität in der Lehre und weniger Konzentration auf den Mainstream verlangen. Haben Sie ihn gelesen?

Badelt: Ja, ich kenne den Brief.

Cornuel: Ich kenne ihn nicht. Nachdem ich die erste Seite gelesen habe, verstehe ich aber, worum es geht, und ich kann nur zustimmen. Die Welt ist vielfältiger geworden, auch die Studenten sind vielfältiger. Wir bleiben trotzdem bei einer Forschung, die auf Humboldt zurückgeht. Diese Forschung ist gut, aber wir fokussieren uns auf nur eine Richtung. Das Problem, ist, dass diese Forschung sich oft mit intellektuellen Fragestellungen beschäftigt und weniger mit gesellschaftlichen Fragen oder der Lehre. Ich sage nicht, dass dieser Ansatz schlecht ist, aber wenn man sich nicht umschaut und nur eine Art zu denken als die einzig richtige anerkennt, bedeutet das das Ende der Universität.

Badelt: Als Ökonom stimme ich dem Brief über weite Strecken zu. Aber wir sind an unserer Universität schon weiter, darauf bin ich stolz. Wir haben an der WU Programme entwickelt, die sich explizit mit Alternativen beschäftigen, wie etwa Sozioökonomie. Es bleibt aber ein Problem: Akademische Karrieren entstehen durch Veröffentlichungen in Fachmagazinen. Es ist sehr schwer, dort veröffentlicht zu werden, wenn man außerhalb der Mainstream-Forschung arbeitet. Dieses Problem kann nicht von der Lehre einer Universität gelöst werden, das liegt am Klima innerhalb der Forschung und daran, was als Erfolg gesehen wird.

Cornuel: Das Problem ist auch, dass manche Professoren gar nicht unterrichten wollen. Manche verlangen ein hohes Gehalt und beschäftigen sich dann hauptsächlich mit ihrer Forschung. Viele glauben, dass nur die Forschung wichtig ist und nicht die Lehre. Für mich ist die größte Belohnung, wenn ich bei einem Kaffee mit meinen Studenten diskutieren kann, und nicht, wenn ich einen Artikel veröffentliche. Beim "Financial Times"-Ranking der Business Schools werden Publikationen in nur 47 Fachmagazinen beachtet, das ist lächerlich.

derStandard.at: Herr Badelt, gibt es an der WU auch Professoren, die sich weigern zu lehren?

Badelt: Es gibt eine Tendenz. Im deutschsprachigen Raum unterrichten Professoren allerdings wesentlich mehr als im angloamerikanischen. Wenn wir jemanden an die Universität berufen wollen, haben wir hier einen Nachteil. Das ist ein großes Problem. Fakt ist, dass im Wettbewerb um gute Fakultätsmitglieder vor allem die Forschung zählt.

derStandard.at: Sie haben als Beispiel für Vielfalt an der WU die Sozioökonomie genannt. Ist diese Gruppe innerhalb der Universität nicht auch marginalisiert?

Badelt: Die Sozioökonomie-Studenten selbst fühlen sich als etwas Besonderes. Sie haben eine eigene DNA, das stimmt wahrscheinlich. Das sehe ich aber nicht als Problem, sie sind sehr aktiv und kritisch, das ist sehr wichtig. Innerhalb der Professorenschaft ist das aber nicht der Fall, natürlich gibt es einzelne Lehrende, deren Positionen in der Minderheit sind. Aber das gibt es bei den Mainstream-Fächern auch.

derStandard.at: Herr Cornuel, in Österreich gibt es kaum Studiengebühren und keine Zugangsbeschränkungen. Was halten Sie davon?

Cornuel: Als öffentliche Universität hat man eine Aufgabe zu erfüllen. Zumindest für das Bachelor-Level sollte es keine oder nur moderate Gebühren geben. Trotzdem müssen wir realistisch sein. Bildung kostet Geld, und auf dem Master-Level können Studiengebühren verlangt werden. Es ist bewundernswert, wenn die Universität die Tore für alle geöffnet hat, so wie es hier ist. Trotzdem stelle ich mir die Frage, wie man etwa strategisches Management vor 500 Studenten unterrichten soll. Politiker sagen die ganze Zeit, wie wichtig ihnen Forschung und Bildung ist. Sie geben das Geld aber lieber dafür aus, ältere Wähler mit hohen Pensionen zu hofieren, anstatt dass sie es in die Zukunft der Jungen investieren. Das ist kriminell, und darum mag ich keine Politiker. Sie denken immer nur kurzfristig.

derStandard.at: Stimmen Sie zu, Herr Badelt?

Badelt: Das Thema der Studiengebühren ist längst nicht so wichtig wie ein kontrollierter Zugang zu den Universitäten, der sich an den Kapazitäten orientiert

derStandard.at: Sind Sie zufrieden mit den Aufnahmeprüfungen, die im Juli im Zuge der Studienplatzfinanzierung stattfinden?

Badelt: Ja und nein. Wir haben schon letztes Jahr gesehen, dass der Aufnahmetest zur Selbstselektion führt. Trotzdem müssen wir doppelt so viele Studenten aufnehmen, wie wir Plätze haben.

derStandard.at: Sie haben angekündigt, ab 2015 nicht mehr als Rektor zur Verfügung zu stehen. Warum?

Badelt: Wenn meine Amtszeit 2015 zu Ende geht, werde ich dreizehn Jahre lang Rektor gewesen sein, davor war ich vier Jahre lang Vizerektor. Es ist gut, wenn man freiwillig entscheidet zu gehen und das nicht von anderen entscheiden lässt.

Cornuel: Ich finde das sehr traurig, er ist ein guter Rektor.

derStandard.at: Man hatte immer das Gefühl, dass es Ihnen Spaß macht. Auch die Konfrontation mit der Politik.

Badelt: Sicher. Ich werde bis zum letzten Tag Spaß haben. Aber trotzdem sollte man gehen, wenn man noch Spaß dabei hat und solange andere Menschen einen für erfolgreich halten. (Lisa Aigner, derStandard.at, 17.6.2014)

Zu den Personen:

CHRISTOPH BADELT ist Wirtschaftswissenschafter und seit 2002 Rektor der Wirtschaftsuniversität Wien, als Leiter des Instituts für Sozialpolitik ist er derzeit karenziert. Badelt wird sich im Jahr 2015 als Rektor der WU zurückziehen.

ERIC CORNUEL ist Leiter der European Foundation for Management and Development (EFMD) in Brüssel und Affiliate Professor für Betriebswirtschaftslehre an der "HEC Paris".

Die EFMD ist ein internationales Netzwerk, bestehend aus Universitäten, Wirtschaftsunternehmen, Wissenschaftern und Führungspersönlichkeiten mit Hauptsitz in Brüssel. Die Organisation befasst sich vor allem mit der Akkreditierung von Management-Programmen. Die EFMD hält derzeit ihre Jahrestagung an der Wirtschaftsuniversität Wien ab.

  • Eric Cornuel (links): "Es ist bewundernswert, wenn die Universität die Tore für alle geöffnet hat, so wie es hier ist. Trotzdem stelle ich mir die Frage, wie man etwa strategisches Management vor 500 Studenten unterrichten soll."
    foto: derstandard.at/aigner

    Eric Cornuel (links): "Es ist bewundernswert, wenn die Universität die Tore für alle geöffnet hat, so wie es hier ist. Trotzdem stelle ich mir die Frage, wie man etwa strategisches Management vor 500 Studenten unterrichten soll."

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