Bosnien: Teilnahme ist so gut wie ein Sieg 

Reportage mit Video17. Juni 2014, 07:32
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Es ist ein Sonntagabend im Juni. Draußen auf den Straßen ist es ungewöhnlich kühl für diese Jahreszeit, im Fußball-Mekka der bosnischen Community in der Habichergasse in Wien-Ottakring aber schnellen die Temperaturen in die Höhe. Blickt man in die Gesichter der hier Anwesenden, dann sieht man Stolz und Vorfreude. Stolz, weil ihr Bosnien, durch jahrelange politische und soziale Umbrüche und nicht zuletzt durch eine verheerende Naturkatastrophe zurückgeworfen, sich heute mit seinem Fußballteam aufgerappelt hat und zum ersten Mal bei einer WM dabei ist.

Vier Stunden vor dem Spielanpfiff versammeln sich schon die ersten Fans der bosnischen Nationalmannschaft in blau-weiß-gelben Trikots, sie singen Lieder, um die "Zmajevi" (Drachen) anzufeuern, im Hintergrund läuft traditionelle Balkanmusik. Dazwischen rauchen sie, es hat sich eine feine Zigarettenwolke in der Bar ausgebreitet, irgendwie muss man sich ja ablenken.

derstandard.at/puktalovic

Fußball verbindet

Fußball hat eine besondere Bedeutung in den Balkanstaaten. Auch das kleine Bosnien exportiert etliche Spieler in Europas Topligen, Izet Hajrović, Miralem Pjanić und Edin Džeko, um nur einige wenige zu nennen. Gleichzeitig wirkt die populärste Sportart der Welt als ein wundersamer Balsam, der die Wunden vergangener Zeiten zumindest heute vergessen machen kann.

Fußball sei "die Antwort" auf die Armut und die soziale Ungleichheit im Land, sagt Salih. Der 45-jährige Fußballscout glaubt an die Verbindung aller Gesellschaftsschichten, für ihn spielen Religion und Nationalität "keine Rolle". Diese plurale Haltung würde auch die Nationalmannschaft nach außen hin repräsentieren, ist sich der ausgewiesene Fußballkenner sicher.

BHFanaticos

Unter den Fans im Lokal befinden sich vor allem Mitglieder der im Jahr 2000 in Schweden ins Leben gerufenen bosnischen Fangemeinde "BHFanaticos". Sie ist im letzten Jahrzehnt - unabhängig von der Sportart - zur führenden Fangruppe der Nationalmannschaft geworden, die Zahl der Mitglieder wird weltweit auf 1500 geschätzt. In Österreich vermutet man 150 Fanaticos, Subgruppen findet man außerhalb der Hauptstadt in Graz, Linz, Salzburg und auch Klagenfurt.

Fanaticos begleiten ihre "Drachen" überallhin, Brasilien ist für viele aber doch ein bisschen zu weit weg: "Es ist eine Enttäuschung, diesmal nicht dabei sein zu können", erklärt einer der Gründer der Fangemeinde in Wien, der anonym bleiben will. Trotz der Distanz verfolgen sie die Mannschaft auf Schritt und Tritt - über Fernsehen, Radio und Internet.

Hauptsache Teilnahme

Mit überhöhtem Erwartungsdruck wird die von Edin Džeko angeführte Mannschaft seitens der Fans nicht belastet, obwohl viele nach den starken Qualifikationsspielen hoffnungsvoll in Richtung Brasilien schauen. Für die meisten bosnischen Fußballliebhaber ist im Gegensatz zu den Anhängern der größeren Fußballnationen die Teilnahme das Wesentliche, alle sollen die bosnische Fahne bei der WM einmal gesehen haben, sagt ein Fan. "Hautpsache ist die Teilnahme, das Resultat ist zweitrangig", fügt auch Nerzan, 39, einer von den Fanaticos, hinzu.

Als das Spiel gegen Messi und Co angepfiffen wird, skandieren die temperamentvollen Fanaticos "Hajmo Bosno, Bosno Hajmo Hercegovino!" und vergessen komplett die Außenwelt. "Die Teilnahme Bosniens ist schon so, wie die WM selbst zu gewinnen, alles, was dazukommt, ist eine Zugabe", sagt der Fanaticos-Gründer. Er wirkt zufrieden heute Abend. (Balázs Csekő, Toumaj Khakpour, daStandard.at, 17.6.2014)

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