Obama schickt 275 Soldaten zum Schutz der US-Botschaft in den Irak

17. Juni 2014, 12:25
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Rebellen erobern wichtige Stadt Tal Afar weitgehend - Viele Tote - Verhandlungen USA-Iran über Irak-Krise

Bagdad/Washington - Angesichts des Vormarsches der Jihadisten im Irak schickt US-Präsident Barack Obama bis zu 275 Soldaten in die Krisenregion. Sie sollten US-Bürger und die Botschaft in der irakischen Hauptstadt schützen, seien aber auch "für Kampfeinsätze ausgerüstet", schrieb Obama am Montag an den Kongress. Am Rande der Atomverhandlungen in Wien berieten Vertreter der USA und des Iran über die Irak-Krise.

Die Entsendung erster Soldaten nach Bagdad habe am Sonntag begonnen, informierte Obama den Kongress. Ende 2011 waren die letzten US-Soldaten aus dem Irak abgezogen worden. Eine Rückkehr von Bodentruppen schließt Washington weiterhin aus. Doch durch den Vormarsch der sunnitischen Organisation Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien (ISIS) hat sich die Lage stark zugespitzt.

Botschaft in Bagdad bleibt offen

Das Weiße Haus teilte mit, die Einheiten würden bei der Verlegung von Botschaftspersonal von Bagdad in die Konsulate in Erbil und Basra sowie nach Amman in Jordanien helfen. Die Botschaft in Bagdad werde aber nicht geschlossen,  und die meisten Mitarbeiter würden dort bleiben. Der irakische Regierungschef Nuri al-Maliki habe der Entsendung der US-Soldaten zugestimmt.

Nach heftigen Kämpfen nahmen die Aufständischen die nordirakische Stadt Tal Afar weitgehend ein, wie ein Regierungsvertreter sagte. Bei den Gefechten um die mehrheitlich schiitische Stadt, die auf einem strategisch wichtigen Korridor nach Syrien liegt, seien rund 50 Zivilisten sowie dutzende Rebellen und Sicherheitskräfte getötet worden, sagte der Vize-Vorsitzende des Provinzrats von Ninive, Nuriddin Kabalan, am Dienstag.

Dagegen schlugen irakische Sicherheitskräfte nach eigenen Angaben einen Angriff der Rebellen auf die Stadt Baakuba nordöstlich von Bagdad zurück. In der Nacht hatten die Aufständischen zunächst mehrere Viertel von Baakuba erobert, wie Vertreter von Armee und Polizei am Dienstag sagten. Sie hätten jedoch zurückgedrängt werden können.

USA und Iran berieten über Krise

Die sunnitische Extremistengruppe ISIS hatte in der vergangenen Woche weite Gebiete im Nordirak in ihre Gewalt gebracht und rückte immer weiter auf Bagdad vor.

Über die Krise berieten am Montagabend erstmals auch Vertreter der USA und des Iran, nachdem die Erzfeinde ihre Bereitschaft zu einer Zusammenarbeit gegen die Extremisten signalisiert hatten. US-Außenamtssprecherin Marie Harf sagte dem Nachrichtensender CNN, es habe in Wien eine "kurze Diskussion" gegeben. Beide Seiten hätten "ein gemeinsames Interesse", dass die militanten Islamisten "im Irak nicht mehr Fuß fassen können". Es bleibe aber abzuwarten, ob die Gespräche mit den Vertretern Teherans fortgesetzt würden.

Auch der Iran bestätigte Verhandlungen in Wien mit den USA über die Krise im Irak. "Ja, wir haben auch die Brutalitäten der ISIS im Irak besprochen", sagte der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif am Dienstag iranischen Medien. Am Rande der Atomverhandlungen in Wien hatte Zarif am Montag den amerikanischen Vizeaußenminister William Burns getroffen. Teheran hatte mehrmals beteuert, bei den Gesprächen mit Burns gehe es nur um das iranische Atomprogramm. Dann kam die Irak-Krise aber doch noch auf die Agenda. "Es war logisch, dass auch die Krise im Irak zur Sprache kam", sagte Zarif.

USA denkt über Drohnenangriffe nach

Grundsätzlich befürworte die US-Regierung "jeden konstruktiven Prozess, der die Gewalt verringert, den Irak zusammenhält und die Präsenz von ausländischen terroristischen Kräften beendet", hatte US-Außenminister John Kerry zuvor dem Nachrichtenportal "Yahoo News" gesagt. Er bekräftigte, dass Washington über Drohnenangriffe gegen die ISIS nachdenke. Washington entsandte bereits den Flugzeugträger USS George H.W. Bush in die Region, am Montag traf ein weiteres US-Kriegsschiff im Persischen Golf ein.

Unterdessen wurde offenbar eine Gruppe von 50 ausländischen Mitarbeitern der Firma Siemens aus dem von ISIS-Kämpfern kontrollierten Gebiet gerettet, darunter ein Österreicher und acht Deutsche. "Spiegel Online" berichtete unter Berufung auf das Auswärtige Amt, die Deutschen seien bis Montagabend sicher in Bagdad und Erbil angekommen. Dem Nachrichtenportal zufolge flogen irakische Armeehubschrauber und ein von Siemens gecharterter Jet die Ausländer von Sonntagmittag an aus der Gefahrenzone rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad.

Autonomieregionen vorgeschlagen

Der Regierungschef der kurdischen Provinzen im Nordirak schlug unterdessen Autonomieregionen für sunnitische Muslime in dem konfliktgebeutelten arabischen Land vor. Der kurdische Ministerpräsident Nekhirvan Barzani sagte am Dienstag dem Nachrichtensender BBC, der beste Weg aus der Krise wäre die Einrichtung einer eigenständigen Sunnitenregion - ähnlich den autonomen kurdischen Gebieten.

Dem schiitischen Premierminister Maliki warf er vor, die Sunniten mit seiner Politik systematisch ausgeschlossen zu haben. "Es gibt im Moment kein Vertrauen", betonte er und fügte hinzu: "Es ist nahezu unmöglich, dass der Irak zur Politik aus der Zeit vor Mossul zurückkehrt." Die Millionenstadt im Nordirak wurde vor einer Woche von der ISIS eingenommen. (APA, 17.6.2014)

  • Irans Außenminister Mohammad Javad Zarif am Rande der Atomgespräche in Wien.
    foto: reuters/heinz-peter bader

    Irans Außenminister Mohammad Javad Zarif am Rande der Atomgespräche in Wien.

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