Deutsche Dominatoren unter der Lupe

16. Juni 2014, 21:37
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Manuel Neuer: Von Cristiano Ronaldo in der siebenten Minute dankenswerterweise warm geschossen. Im weiteren Spielverlauf kaum geprüft, spielte zwischendurch in gewohnter Klasse den Libero. In der Nachspielzeit bestand er dann seine Reifeprüfung, als Ronaldo ihn per Freistoß herausforderte. Die leidige Schulterverletzung darf damit als endgültig überwunden gelten.

Jérôme Boateng: Wird langsam zum Angstgegner für Ronaldo. Schon in der ´zweiten Minute nutzte er dessen Verzicht auf allzu aufreibende Defensivarbeit zu einem Vorstoß. Spürte aber keine weiteren zwei Minuten später bei Ronaldos Turbo-Antritt – dem seine Abwehrkollegen nicht gewachsen waren –, dass jeder Meter Rückstand auf den Superstar potenziell wehtun kann. Dosierte seine Vorstöße fortan schwächer und hatte Ronaldo ausgezeichnet im Griff, genauso wie bei der Europameisterschaft 2012. Sein Opponent hatte auf neunzig Minuten hochgerechnet die wenigsten Ballkontakte bei Portugal (47).

Per Mertesacker: Beschränkte sich auf die Abwehrarbeit, gab seiner Mannschaft dabei mit klugem Stellungsspiel und guter Abwehrarbeit aber viel Sicherheit. Wenn er in den nächsten Spielen auch noch bei Standards gefährlich wird, hat er sein Soll erfüllt. Mehr verlangt Löw nicht von seinem Hünen.

Mats Hummels: Ist als Prototyp des spielstarken Abwehrmanns in Löws System, das den Innenverteidigern keine kreativen Momente zugesteht, eigentlich ein bisschen verschenkt. Wuchtete den Ball vielleicht auch deshalb beim 2:0 besonders wuchtig ins Netz (32.). Präsentierte sich ansonsten im Zweikampf kompromisslos und aufmerksam. Musste verletzungsbedingt raus – sein dauerhafter Ausfall wäre ein herber Verlust.

Benedikt Höwedes: War auf der ungewohnten Linksverteidigerposition sicherlich nicht der ideale Gegenspieler gegen Nani, schlug sich aber meist wacker. Als rechtsfüßiger Abwehrrecke bei Vorstößen naturgemäß mehr Statist als Aktivposten, brachte aber zumindest sein Kopfballspiel erfolgreich ein. Wird gegen schwächere Gegner womöglich durch den offensiveren Dortmunder Erik Durm ersetzt.

Philipp Lahm: Startete mit einem katastrophalen Ballverlust, der fast im 1:0 für Portugal resultierte. Auch sonst anfangs mit Problemen gegen das portugiesische Pressing-Feuer, welches zu Beginn besonders ihn in den Fokus nahm. Fand sich dann aber besser zurecht und reüssierte als ballsicherer Raumverdichter. Dem Mannschaftserfolg wäre ein Einsatz als linker Verteidiger aber wohl dienlicher.

Sami Khedira: Zog gedankenschnell ab bei Partricios frühem Aussetzer, verpasste das Tor aber – wenn auch nur um Zentimeter. Zog immer wieder gefährlich nach vorn. Bei seinen Vorstößen fehlt ihm jedoch noch das Tempo, um wieder der international herausragende Box-to-Box-Player zu sein, den er vor seinem Kreuzbandriss darstellte. Auch beim Kopfball nicht immer auf der Höhe. Ist aber auf einem guten Weg.

Toni Kroos: War der verkappte Spielmacher im deutschen Spiel: Kurbelte von seiner halblinken Position gekonnt das Spiel an und hatte bei einem enormen Laufpensum eine unglaubliche Passquote von 96 Prozent. Streute in regelmäßigen Abständen geniale Pässe ein. Beim 2:0 fand zudem sein Eckstoß den Kopf von Mats Hummels.

Mesut Özil: Überließ anfangs ähnlich wie Ex-Teamkollege Ronaldo die Defensivarbeit auch einmal den Mitspielern. Nimmt seinem Team so aber oft mehr, als er ihm gibt – vor allem als Außenbahnspieler. Das Spiel dort, an der Seitenlinie, behagt ihm nämlich nicht. Auch wenn er seine Fähigkeiten im Passspiel durchaus aufblitzen ließ – hinter den Spitzen in einem 4-2-3-1 ist Özil besser aufgehoben. Diese Formation hat Löw aber ad acta gelegt – seinen Zehner lässt er trotzdem spielen. Bisheriger Ertrag: noch ausbaufähig.

Thomas Müller: Vor vier Jahren in Südafrika war er der Shootingstar, in Brasilien steigt er womöglich zum globalen Superstar auf. Zunächst aber dürfte er mit seinen drei Treffern die Diskussion um echte Stürmer und falsche Neunen beendet haben. Seine unorthodoxen Bewegungen und seine Kaltschnäuzigkeit waren essenziell für den Erfolg von Löws flexiblem Angriffssystem. Übernahm früh Verantwortung und verwandelte den Strafstoß ohne viel Aufhebens. Wurde dann zum Reizobjekt für Pepe – mit gutem Ausgang für Deutschland, ehe er in mittlerweile bekannter Müller-Manier aus dem Nichts das 3:0 erzielte und auch beim 4:0 genau richtig stand.

Mario Götze: Drehte sich geschickt um Pereira, als er nach eigentlich schon verlorenem Zweikampf früh den Elfmeter herausholte. War auch sonst für die Portugiesen kaum zu halten bzw. vom Ball zu trennen. Sein enormer Aktionsradius und seine Passsicherheit machten das deutsche Offensivspiel vor allem in der ersten Hälfte unberechenbar. Im zweiten Durchgang nicht mehr ganz so auffällig.

Andre Schürrle (63. Minute für Özil): Konnte über rechts ein paar Mal seine überlegene Geschwindigkeit ausspielen, so auch vor dem 4:0. Offenbarte aber nicht nur in dieser Szene Probleme bei Ballannahme und -kontrolle.

Shkodran Mustafi (73. für Hummels): Anlässlich seiner überraschenden WM-Nominierung lernte Deutschland den Verteidiger von Sampdoria Genua kennen. Nun durfte sich der Hesse mit albanischen Wurzeln auch dem Rest der Welt vorstellen. Die Premiere brachte er konzentriert über die Bühne. Bleibt bei dauerhaften Ausfällen womöglich nicht länger eine Unbekannte.

Lukas Podolski (82. für Müller): Der aus deutscher Sicht gute Spielverlauf brachte ihn um eine frühere Einwechslung. Kann mit seiner Durchschlagskraft bei anderen Spielständen aber noch zur Waffe werden. (Jörn Wenge, derStandard.at, 16.6.2014)

  • Die Kanzlerin hat alle im Griff.

    Die Kanzlerin hat alle im Griff.

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