Mehrwissen über Wirklichkeit

16. Juni 2014, 18:28
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Mehr als siebzig Bilder aus fünfzig Jahren in elf Räumen: Das Museum Moderner Kunst Kärnten (MMKK) ehrt den Kärntner Maler Peter Krawagna bis Ende August mit einer umfangreichen Personale

Klagenfurt - Wer in den Verkehrsspiegeln in Venedig, der zentralen Bilderserie des Kärntner Malers Peter Krawagna, Verkehrsspiegel in Venedig sucht, sitzt gewissermaßen im falschen Vaporetto. Was auf diesen Bildern zu sehen ist, sind keine Verkehrsspiegel. Sondern es ist "die malerische Wiedergabe visueller Phänomene, die auf, um oder in den genannten Objekten beobachtet wurden", wie Christian Kravangna in der in der Allerheiligenpresse erschienenen ersten Monografie über seinen Vater schreibt.

MMKK-Chefin Christine Wetzlinger-Grundnig nahm die von Peter Weiermair herausgegebene Publikation zum Anlass, dem 77-jährigen Kärntner Künstler eine längst fällige große Personale zu widmen. Das Früheste wie das kleine Gemälde Im Park von 1964 erinnert noch an die Expression der Lehrer Robin Christian Andersen und Herbert Boeckl.

Das ändert sich abrupt ein Jahr später mit Krawagnas erster großer Gemäldeserie Lastwagenfahrer: "1965 habe ich mir ein Haus am Wörthersee gekauft. Es war wunderschön, vorn zum See, im Sommer. Im Winter bemerkte ich erst, dass hinten die Bundesstraße vorbeiführt. Es gab noch keine Autobahn damals, und es kam ein Laster nach dem anderen. Zuerst gefiel mir das gar nicht. Eines Tages aber sah ich auf einmal die bunten Ärmel der Lenker, die aus den Kabinen heraus im Sonnenlicht leuchteten. Und das malte ich dann", erzählt er die Legende seines ersten Erfolgs.

Naturabstraktion

Ab da blieb er beim Aufspüren visueller Phänomene, die einerseits das Wesen der malerischen Motive erfassen, andererseits aus so punktueller und detaillierter Beobachtung stammen, dass man sie auch als abstrakte Farb- und Formfindungen ansehen kann. Seit den Venedig-Bildern aus den 1980ern sind, wie Christian Kravagna ebenfalls anmerkt, auch Titel wie Drachenflieger oder Snowboard nur mehr eingeschränkt hilfreich, weil das gemalte Bild bereits eine neue "begriffslose" Sicht der jeweiligen Motive liefert.

Der abstrakten Anmutung zum Trotz: Krawagna malt bis heute, was er sieht, in immer erfahrener Anschauung. Ob die eingangs erwähnten Reflexe venezianischer Vaporettos in den Spiegeln der Kanalkreuzungen; die Lichtblitze der Sonne im schmelzenden Schnee auf blauen Snowboards; oder die hochentwickelten Verdichtungen des Sommers in hellgelben Wellenkaligrammen, wie in den jüngsten, riesengroßen Werken: Alles hat das, was Dieter Wellershoff den "scheinhaften Mehrwert der Poesie" nannte: Man bestaunt es, weil es ein unbestimmtes Mehrwissen über die Wirklichkeit verheißt.

Die Schau wird durch Prunkstücke der Kärntner klassischen Moderne ergänzt. Da versteht man dann, was Krawagna meint, wenn er sagt, er habe von seinem Lehrer Herbert Boeckl "das Vitale". Und es wird klar, was Kunsthistoriker Arnulf Rohsmann meint, wenn er von einer österreichspezifischen "Naturabstraktion" spricht, deren Entwicklungslinie von Boeckl über Hollegha bis Krawagna verläuft. (Michael Cerha, DER STANDARD, 17.6.2014)

  • Der Kärntner Maler Peter Krawagna reduziert Gegenstände und Sichtbarkeiten auf das Wesentliche - auf die Essenz des Sehens.
    foto: neumüller

    Der Kärntner Maler Peter Krawagna reduziert Gegenstände und Sichtbarkeiten auf das Wesentliche - auf die Essenz des Sehens.

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