Raupen: Variable Diät kann tödlich enden

16. Juni 2014, 21:24
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Beknabbern Raupen mehr als zwei Pflanzenarten, steigt ihr Risiko, von Vögeln entdeckt zu werden - Das wirkt sich auch auf die Pflanzen aus

Washington/Wien - „Wer wagt, gewinnt“, weiß der Volksmund. Reimen freilich tut sich das Gegenteil dieser Weisheit: „Wer riskiert, verliert“. Eine besondere Form der Risikoabwägung haben US-Biologen bei Raupen entdeckt, bei der es schlicht um die alles entscheidende Alternative geht: Fressen oder gefressen werden geht.

Viele Raupenarten haben eine einigermaßen perfekte Tarnung entwickelt, die es für ihre Fressfeinde erschwert, sie vor dem Hintergrund der Pflanze zu entdecken – so wie die Raupe des Östlichen Tigerschwalbenschwanzes auf dem Blatt einer Amerikanische Traubenkirsche (siehe Foto): Die Färbung ist bis ins Detail gut auf den grünen Untergrund abgestimmt. Wie Michael Singer (Wesleyan University) und Kollegen bei Feldstudien herausfanden, ist diese Raupe ihrer Wirtspflanze treu und gibt sich entsprechend mit einer eintönigen Diät zufrieden.

Umgekehrt gibt es Raupenspezies, die sich von mehreren verschiedenen Pflanzenarten ernähren. Sie sind entsprechend weniger abhängig von bestimmten Pflanzen. Dafür aber nehmen sie in Kauf, dass ihre Mimikry sehr viel weniger gut funktioniert. Und das wiederum bedeutet ein deutlich erhöhtes Risiko, von Vögeln entdeckt und gefressen zu werden.

Risiko versus Belohnung

Für die Forscher ist das ein klassisches Beispiel für das evolutionäre Dilemma zwischen Risiko und Belohnung: entweder abwechslungsreiches Fressen und ein hohes Risiko, gefressen zu werden - oder eben: eine geringe Menüauswahl aber vergleichsweise hohe Sicherheit.

Das ist nicht die einzige Erkenntnis, die Singer und Kollegen im Fachblatt "PNAS" präsentieren. Sie haben außerdem bemerkt, dass dieses evolutionäre Dilemma auch erhebliche Konsequenzen für die Wirtspflanzen der jeweiligen Raupen hat.

Jene Raupenarten, die beim Fressen Fadesse und höhere Sicherheit präferieren, stellen eine höhere Bedrohung für die Pflanzen dar. Deshalb entwickeln die betroffenen Arten auch sehr viel eher eigene Gegenstrategien gegen die Raupen, als Pflanzen, deren Raupen weniger gut getarnt sind - und mit höherer Wahrscheinlichkeit von den Vögeln entfernt werden. (tasch, derStandard.at, 16.6.2014)

  • Gute Tarnung, eintöniges Fressen: Die Raupe dieser amerikanischen Schwalbenschwanz-Art ernährt sich ausschließlich von Blättern der Traubenkirsche und hat sich entsprechend gut angepasst.
    foto: michael singer/wesleyan university

    Gute Tarnung, eintöniges Fressen: Die Raupe dieser amerikanischen Schwalbenschwanz-Art ernährt sich ausschließlich von Blättern der Traubenkirsche und hat sich entsprechend gut angepasst.

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