Technik in der Formel 1: Form follows Auto

20. Juni 2014, 19:01
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Zum ersten Mal seit 2003 gastiert die Formel 1 in Spielberg - Anlass, sich nach dem Einfluss der Rennboliden auf Serienautos zu fragen

Mit einer weitverbreiteten Meinung muss gleich zu Beginn Schluss gemacht werden: Die heldenhafte technische Vorreiterrolle des Motorsports für die Serienproduktion gibt es nicht. Im Motorsport herrschen völlig andere Anforderungen als in der Serienproduktion. Nur die Ausgangslage ist die gleiche: In beiden Fällen wird zielgerichtet und konsequent auf einen Punkt hingearbeitet. Aber die beiden Punkte liegen in ihrer Zielsetzung ganz weit auseinander.

Maximale Leistungsausbeute

Im Falle des Motorsports heißt diese zum Beispiel maximale Leistungsausbeute - vielleicht für zwei Stunden, für 70 Runden, für 500 Kilometer. Dann kommt es zumindest zu einer Generalüberholung sämtlicher Aggregate am Fahrzeug, also des ganzen Fahrzeugs bis in die kleinsten Schräubchen hinein.

Da würden sich Diesel- und Otto Normalverbraucher schön bedanken, wenn sie einmal die Woche ihr Auto zerlegen und neu zusammenbauen lassen müssten. Ein Rennwagen ist der klassische Fall von Einzelanfertigung, das kann man ruhig behaupten, wenn nicht einmal ein Dutzend Stück von einem Modell gebaut werden.

Stanzen oder Handauflegen

Die größten Autohersteller der Welt verkaufen an die zehn Millionen Autos pro Jahr. Der tüchtigste Premiumhersteller, BMW, strebt auf zwei Millionen Autos zu. Das heißt, ein Autohersteller baut von einem gut gehenden Modell jährlich eine Viertel- bis weit über eine Million Fahrzeuge an mehreren Standorten weltweit gleichzeitig.

Es ist ein Unterschied, ob Autos wie Beilagscheiben herausgestanzt oder quasi durch Handauflegen produziert werden. Ein Serienauto, das je nach Zählweise zwischen 60.000 und ein paar hunderttausend Einzelteilen besteht, muss dem anderen gleichen bis zum letzten Gramm CO2-Ausstoß, und das über mehrere Jahre ohne wesentliche Änderung. Das ist mehr Spitzensport, als jemals in irgendeiner Gladiatorenliga vollzogen wurde. Aber das sieht man nicht.

Berührungspunkte

Technisch hat ein Rennwagen mit einem Serienauto also so gut wie nichts gemeinsam. Das ist ähnlich wie in der Bionik: Man sieht sich die Dinge an, wie sie in der Natur funktionieren, entdeckt die ungemeine Komplexität, versucht durch Simplifizierung, wenigstens irgendeine Erkenntnis abzuschöpfen, und scheitert am Ende im Wesentlichen. So ist es auch mit dem Rennsport und ganz besonders mit der Formel 1. Egal, ob man versucht, aus der Formel 1 etwas für die Serie abzuschauen oder auch umgekehrt. Meistens sind die Dinge nicht übersetzbar auf die Dimensionen und Herausforderungen der jeweils anderen Disziplin.

Schattenwurf eine Absicht

Woher kommt dann diese hartnäckige Vorstellung vom Motorsport als Vorreiter für die Serienproduktion? Wichtigste Voraussetzung ist, dass es tatsächlich einige Berührungspunkte gibt, die aber eher symbolischen Charakter haben als echte Substanz. Interessant ist auch, dass es an dieser schmalen Berührungsfläche der Disziplinen in jüngerer Zeit sogar zu einer Umkehrung der Flussrichtung gekommen ist, doch davon später.

Die Symbolik war immer schon die wahre Triebkraft der Formel 1 als Vorbild für die Serienfertigung und nicht ihr technischer Inhalt, der ist immer nur von einem Reglement geprägt, über das hitzig debattiert werden kann, das aber nie mehr als der Schattenwurf einer Absicht (jetzt Sparsamkeit!) sein kann und immer ganz weit weg von den geltenden Zwängen im Alltag ist.

Parallelen

Formel 1 und Alltagsauto, jetzt haben wir's: Die Überdeckung betrifft nicht den Inhalt, sondern die Verpackung. Spoiler und breite Reifen, das sind die Elemente, die den Serienfahrzeugbau über Jahrzehnte geprägt haben. Hier lassen sich sogar Parallelen zur Bionik ausmachen.

Die Formel 1 ist das Tier, um nicht zu sagen das Insekt, von dem sich die Serienhersteller das prächtige Auftreten abgeschaut haben. Ganz egal, welche Strategien zur gesellschaftlichen Entwicklung im Hintergrund gespielt werden, es sind immer wieder wesentliche Elemente aus dem Design, die in abgemilderter Form aber zeitgleich in Serienautos auftauchen.

Derzeit erleben wir bei Serienautos wieder ausgeprägte Lufthutzen und Frontschürzen, die als Zitate des momentan gültigen aerodynamischen Ausdrucks der Formel 1 gesehen werden können. Die Bedeutung der schieren Reifenbreite geht nun parallel zu ihrer Beschränkung in der Formel 1 wieder etwas zurück, was optisch zählt, ist ein niedriger Reifenquerschnitt, eine Thematik, die im Grunde ohnehin schon wieder die ganze Misere offenlegt: Niedriger Reifenquerschnitt ist wichtig fürs Handling bei allerhöchster Kurvengeschwindigkeit, aber Gift für die Alltagstauglichkeit, für den Komfort, für das Überrollen von Schlaglöchern.

Synergien

Will man also Synergien zwischen Automobilrennsport im Allgemeinen und Formel 1 im Besonderen finden, so lässt sich mittlerweile eher die umgekehrte Richtung ausmachen: Serie befruchtet Formel 1. Mit der starken Aufwertung der Hybridtechnik hat sich Mercedes offenbar aufgrund der vielen schon abgespulten Kilometer in der Serienentwicklung am leichtesten getan.

Funktionsalgorithmen für Energieflüsse zwischen elektrischen und mechanischen Systemen lassen sich längst nicht mehr allein mit dem Bauchgefühl begnadeter Ingenieurshände oder der spontanen Eingebung eines italienischen Konstrukteursgenies erfolgreich entwickeln. Wahrscheinlich sind ein bisschen deutsche Humorlosigkeit und viel Fleiß am Computer heute zielführender - Ressourcen, die man in der Serienentwicklung eines schwäbischen Premiumherstellers eher findet als in der hitzigen Selbstdarstellermanege der Formel 1. (Rudolf Skarics, Rondo, DER STANDARD, 20.6.2014)

  • Auf Asphalt fahren Formel-1-Renner wie auch Serienautos, ansonsten gibt es zwischen Einzelanfertigung und Massenprodukt erstaunlich wenige Berührungspunkte.
    foto: reuters/wattie

    Auf Asphalt fahren Formel-1-Renner wie auch Serienautos, ansonsten gibt es zwischen Einzelanfertigung und Massenprodukt erstaunlich wenige Berührungspunkte.

  • Immer brisante Themen in der Königsklasse: Diffusor und Spoiler. Beides ist im Stau auf der Tangente von nachrangigem Interesse.
    foto: ap/boland

    Immer brisante Themen in der Königsklasse: Diffusor und Spoiler. Beides ist im Stau auf der Tangente von nachrangigem Interesse.

  • Ob sich dieses Frontdesign in der Großserie niederschlagen wird, ist fraglich.
    foto: ap/boland

    Ob sich dieses Frontdesign in der Großserie niederschlagen wird, ist fraglich.

  • Hier testet Romain Grosjean eine neue Aufhängung für SUVs. (Scherz)
    foto: reuters/belanger

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