Auf eine fremde Tasche aufpassen

19. Juni 2014, 18:49
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Eine Frage des Vertrauens - auf beiden Seiten

Pro
Von Mia Eidlhuber

Der Hang zu großen Handtaschen, in die ein ganzes Leben reinpasst (auch - für alle, die in Modebelangen ein bisschen Nachhilfe brauchen - "tote bag" genannt), bringt einen in die Lage, ein bisschen Vertrauen in die Menschheit zu haben.

Oder will man, nur um im Zug schnell einmal für kleine Mädchen zu gehen, sein ganzes Leben mit sich mitschleppen? Eben. Und das ist gut so. Wo kommen wir denn hin, wenn wir immer vom Schlimmsten ausgehen?

Lauter tickende Zeitbomben um uns vermuten oder, fast noch schlimmer, versteckte Kameras, die uns filmen, wenn plötzlich etwas Peinliches aus der fremden Tasche hüpft, womit wir gar nicht gerechnet haben, um damit dann scharenweise Menschen in schlecht klimatisierten Flugzeugen zum Lachen zu bringen.

Nein, wir bleiben Mitmenschen und sagen: Ja, gerne. Gar kein Problem. Und wenn die Tasche kein Koffer ist, einen Namen trägt und zum Beispiel "Kelly" heißt oder "Birkin" oder "Alexa" und sehr, sehr hübsch ist, dann braucht sie von mir aus auch niemals mehr jemand abzuholen.

Kontra
Von Ljubisa Tosic

Leider nein, so viel Verantwortung kann nicht übernommen werden - außer Sie beantworten einige Fragen. Wer sind Sie überhaupt? Warum fragen Sie gerade mich, auf die Tasche aufzupassen? Wohin gehen Sie inzwischen? Wann kommen Sie zurück? Wer garantiert, dass sie überhaupt zurückkommen? Wieso gehen Sie davon aus, dass ich kein interessierter Kleptomane bin, der sich, sobald Sie weg sind, über den Inhalt der Tasche informieren wird?

Und was, wenn Sie nach der Rückkehr behaupten, es würden Tascheninhalte fehlen, obwohl ich kein Kleptomane bin? Wer sagt mir überhaupt, dass die Tasche wirklich Ihnen gehört, der mich jetzt bittet, auf selbige aufzupassen, und nicht einem Dritten, der den Diebstahl schon gemeldet hat?

Was ist in der Tasche eigentlich drin, was tickt da so komisch? Ist das ein großer Wecker? Glauben Sie wirklich, man lässt Sie damit ins Flugzeug? Nein leider, so kommen wir nicht zusammen. Ein Vorschlag: Sie bleiben hier, passen auf die Tasche auf. Und ich erledige für Sie Ihren Weg. (Rondo, DER STANDARD, 20.6.2014)

  • Manches Mal ist es ganz praktisch, wenn jemand einen kurzen Moment auf die Handtasche aufpasst.
    foto: lukas friesenbichler

    Manches Mal ist es ganz praktisch, wenn jemand einen kurzen Moment auf die Handtasche aufpasst.

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