Jeder Flüchtling hat eine Geschichte

Ansichtssache19. Juni 2014, 09:29
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Das Flüchtlings-Hochkommissariat sammelt individuelle Geschichten von Menschen, die zu jenen Millionen gehören, die ihre Heimat verlassen mussten

Wien - 45,2 Millionen Menschen befinden sich laut dem UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) derzeit auf der Flucht. Das ist die höchste Zahl seit zwei Jahrzehnten. Allein seit dem Beginn des Bürgkriegs in Syrien mussten neun Millionen Menschen aus dem vorderasiatischen Land ihre Heimat verlassen. Eine weitere Million Menschen flüchtete erst in den letzten Wochen und Monaten vor den islamistischen Isis-Rebellen im Irak.

Am Freitag ist Weltflüchtlingstag. Zu diesem Anlass sammelt das UNHCR die Geschichten und Schicksale, die hinter diesen ungreifbaren und fernen Zahlen stecken. Geschichten von Waffengewalt, den individuellen Folgen systematischer Unterdrückung, von Hunger, Durst, Heimweh und Hoffnung. Auf unhcr.org sind auch einige Erinnerungen von Menschen erfasst, deren Flucht sie nach Österreich gebracht hat. Lernen Sie hier einige dieser Menschen kennen. (red, derStandard.at, 19.6.2014)

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foto: stefanie steindl/unhcr

Abdis Flucht

Mein Name ist Abdi. Ich bin in Jalalaksi, Somalia, geboren. Von 2001 bis 2012 habe ich somalische Schulen besucht. Meine Familie verdiente ihr Einkommen mit Obst und Gemüse, das sie auf ihrer Farm anbaute. Sowohl als ich geboren wurde, als auch zu dem Zeitpunkt, an dem ich Somalia verließ, gab es keine Regierung im Land. Als ich 15 Jahre alt war, kontrollierte die Terrororganisation al-Shabaab das Dorf, in dem ich lebte. In Somalia gilt ein Mann mit 15 Jahren als erwachsen. Daher musste ich mich entscheiden, ob ich al-Shabaab beitreten oder fliehen wollte. Da ich der letzte Sohn meiner Familie war, schickten mich meine Eltern fort. Sie verkauften ihre Farm, gaben mir das Geld und baten mich in ein anderes Land zu gehen.

Ich verließ Somalia und erkannte, dass es nur zwei Möglichkeiten für mich gab: Sterben oder ein besseres Leben zu führen. Ich ging von Land zu Land und passierte Äthiopien, den Sudan sowie Libyen und überquerte das Mittelmeer. Als ich die Sahara durchquerte, musste ich mit einem Brot und einem halben Liter Wasser pro Tag auskommen. In der Sahara wurde ich gekidnappt und musste bezahlen, um frei zu kommen. In der Mitte der Wüste lebte ich eineinhalb Monate, doch ich hatte kein Geld mehr und wurde zu einem Mann geschickt, der mit dem Auto nach Tripolis fuhr. Von Tripolis, welches ich in zehn Tagen erreicht hatte, fuhren wir in Plastikbooten über das Mittelmeer. Die Überfahrt dauerte fünf Tage und vor der italienischen Küste wurden wir von der Armee gerettet.

Ich war ein paar Tage in Italien, doch man verwies mich des Landes. Mit dem Zug fuhr ich nach Salzburg, Österreich, von wo aus ich nach Traiskirchen gebracht wurde. Zwei Wochen später kam ich in ein Haus der Caritas, um hier zu wohnen. Ich bin froh darüber, diese 10.000 Kilometer lange Reise ohne Verletzung beendet zu haben. Dafür danke ich Gott. Ich wohne gerne hier und das einzige Problem, das ich habe, ist die Unwissenheit über das Befinden meiner Familie. Ich besuche Deutschkurse und genieße das Leben in Österreich. Ich möchte hier bleiben und ich sehe und plane meine Zukunft hier.

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