Vormarsch der Terroristen

Kolumne16. Juni 2014, 17:56
29 Postings

Der schnelle Zerfall des "Islamischen Staates" durch den atemberaubenden Vormarsch der Jihadisten löst weltweit Schockwellen aus

Irak sei ein souveräner, stabiler und selbstständiger Staat, sagte Präsident Barack Obama vor zweieinhalb Jahren, als die letzten US-Truppen das Land verlassen hatten. Heute löst der schnelle Zerfall dieses Staates durch den atemberaubenden Vormarsch der Jihadisten weltweit Schockwellen aus. Ein paar Tausend Kämpfer des Islamischen Staats im Irak und in Groß-Syrien (Isis) haben Mossul, die zweitgrößte Stadt des Landes, blitzschnell besetzt, viele Waffen und vierhundert Millionen Dollar erbeutet. Der in Panik geratene schiitische Premier Nuri al-Maliki, seit 2006 an der Macht und hauptverantwortlich für die Unterdrückung der sunnitischen Minderheit, hat bisher vergeblich verzweifelte Hilferufe an Washington gerichtet.

Das enorme Medienecho eines scheinbar nur regionalen Konfliktes spiegelt die berechtigte Angst vor dem weltweiten Aufschwung eines terroristischen Netzwerkes des "Islamischen Staats" wider.

Es ist heute eine müßige Diskussion, darüber zu streiten, ob die Beseitigung der Diktatur von Saddam Hussein 2003 durch die Amerikaner samt der bedenkenlosen Zerstörung aller staatlichen Strukturen, einschließlich der von sunnitischen Offizieren kommandierten Armee, den Zerfallsprozess ausgelöst hatte. Alle unabhängigen Beobachter sind sich einig, dass das diktatorische und korrupte Regime des schiitischen Ministerpräsidenten Maliki die Hauptverantwortung für den erfolgreichen Aufstand der extremistischen Sunniten trage.

Die Auswirkungen des blutigen Bürgerkrieges in Syrien und die Fortschritte bei der Bildung eines neuen "Hauptquartiers des Terrorismus" (so der Economist) durch Isis in Ostsyrien und im Herzen Iraks alarmieren jene zwei seit Jahrzehnten verfeindeten Staaten, den schiitischen Iran und die Vereinigten Staaten, die die Schlüsselrolle in der Irak-Krise spielen.

Die sich abzeichnenden Machtverschiebungen in der Region bestätigen wieder einmal den bekannten Spruch des britischen Staatsmannes Lord Palmerston (1784-1865): "Es gibt weder permanente Freunde noch permanente Feinde, sondern nur permanente Interessen." Der Vormarsch des jihadistischen Terrors macht aus dem Iran und den Vereinigten Staaten widerwillige Verbündete. Zugleich wird aber auch der gesamte Westen von der Ausbreitung der mit westlichen Pässen operierenden Terroristen des Isis-Netzwerkes von Brüssel bis Berlin direkt bedroht.

Die Fronten im Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien (Pate der syrischen Rebellen und Hauptverbündeter der USA in der Region) und Iran (Hauptstütze des Maliki-Regimes in Bagdad und tödlicher Feind Israels) geraten in Bewegung. Durch die Ablehnung einer militärischen Hilfe sowohl für die syrischen Rebellen wie auch für die bedrängte schiitische Führung in Irak erweist sich die konzeptlose Obama-Administration als eine getriebene Zuschauerin.

Die Untätigkeit des stets zögernden Präsidenten in einem isolierten Weißen Haus, konfrontiert mit einer doppelten Herausforderung aus Moskau und Peking, angesichts einer kriegsmüden Bevölkerung und vor ähnlichen Zerfallssymptomen in Afghanistan, dem nächsten Land, aus dem die amerikanischen Truppen abgezogen werden, beschwört weltweit noch größere Gefahren herauf. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 17.6.2014)

Share if you care.