"Ich hoffe, ich bin nicht als Massengutachter bekannt"

Interview17. Juni 2014, 11:05
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Psychiater Reinhard Haller bemängelt die Studie, die forensisch-psychiatrische Gutachten kritisiert, und sagt, die Justiz wähle vor allem Sachverständige, die "die Dinge auf den Punkt bringen" und rasch arbeiten

STANDARD: Wie viele Gerichtsgutachten erstellen Sie pro Jahr?

Haller: Für das Landesgericht Feldkirch mache ich zwischen 80 und 100. Dazu einzelne in anderen Bundesländern; oft spektakuläre, da entsteht vielleicht der Eindruck: Der macht nur das, aber das ist nebenberuflich. Jährlich sind es zirka 100 bis 120 Gutachten. Ich hoffe, ich bin nicht als Massengutachter bekannt.

STANDARD: Eine Ulmer-Studie über 224 österreichische forensisch-psychiatrische Gerichtsgutachten ergab, dass gerade erfahrene Gutachter oft moralisch urteilen, Standards nicht einhalten und wertend formulieren. Was sagen Sie dazu?

Haller: Man findet solche Untersuchungen auch in anderen Disziplinen und Ländern. Mit dem Unterschied, dass es in Deutschland und der Schweiz ein paar große Institute gibt, die exzellente Gutachten machen. Ob dort die große Masse an Gutachten besser ist, möchte ich aber bezweifeln. Psychiatrische Gutachten sind zudem besonders leicht zu kritisieren. Ich kann nicht mit einer mathematischen Formel feststellen, ob jemand weniger traurig ist.

STANDARD: Macht dieser Umstand Sorgfalt nicht umso wichtiger?

Haller: Ich habe mich oft für Qualitätsverbesserungen starkgemacht, spreche jetzt aber einmal für die andere Seite: Ein Problem ist, dass immer weniger Kollegen Gutachten machen, die immer mehr Aufträge erhalten. Früher war das die Königsdisziplin, heute ist es das, was nur mehr Pensionierte und Hofräte machen. Für maximal 194 Euro Pauschale wird man sich schwertun, 20 Stunden jemanden zu befragen.

STANDARD: Warum kursieren aber auch viel höhere Rechnungen?

Haller: Jedes Gericht legt das Gebührenanspruchsgesetz ein bisschen anders aus: In Graz wird man schlecht bezahlt, in Wien sehr gut. Man müsste aber den Zeitaufwand abgelten. Wir haben in Österreich außerdem kein einziges Uni-Institut für forensische Psychiatrie. In der Ärztekammer haben wir eine zweijährige Post-Graduate-Ausbildung für forensische Psychiatrie eingeführt. Der erste Lehrgang ist abgeschlossen. Wir hoffen, so die Qualität zu heben.

STANDARD: Viele Gerichte greifen aber auf ihre bewährten Gutachter zurück. Haben es sich beide Seiten vielleicht einfach gut eingerichtet?

Haller: Die Gerichte suchen Leute, die Dinge auf den Punkt bringen und ihnen die Antworten geben, die sie haben möchten. Nach solchen Kriterien werden Sachverständige ausgesucht sowie danach, wie rasch sie arbeiten - insofern kann ich nicht verstehen, wenn die Dauer (zur Erstellung eines Gutachtens, Anm.) in der Studie als zu kurz kritisiert wird.

STANDARD: Wie sehen Sie das Beauftragungssystem?

Haller: Das Hauptproblem ist, dass der Staatsanwalt den Gutachter bestellt. Das ist im Prinzip menschenrechtswidrig. Anklage und Verteidigung müssten je einen Gutachter bestellen oder das Gericht selbst. Zweitens müsste man einen größeren Gutachterpool einrichten. Und bei heiklen Fragen wie jenen der Unterbringung und der Entlassung aus der Maßnahme sollte ein Gremium die Entscheidung treffen. So würde man auch Druck wegnehmen. Wohl auch deshalb sind so viele Personen im Maßnahmenvollzug - weil Psychiater sagen: Ich gehe einfach auf Nummer sicher.

STANDARD: Laut Studie wird zudem in Gutachten statt medizinisch oft juristisch argumentiert. Warum?

Haller: Wenn das Gericht fragt: Ist er zurechnungsfähig, ja oder nein, müsste der Psychiater umschreibend sagen: Er leidet an diesen und jenen Störungen, die Juristen als Geisteskrankheit bezeichnen. Es ist eine lässliche Sünde, wenn man das als unzurechnungsfähig bezeichnet. Der Psychiater soll sich aber nicht in Rechtsfragen einmischen, jedoch sind Überschreitungen oft schwer vermeidbar. Noch zur Studie: Ich sehe es als Problem, dass man so etwas als Dissertation beauftragt, statt es einem erfahrenen Gutachter zu geben. Und der wesentliche Teil bezieht sich auf Jahre vor 2008 - 2008 wurden in Österreich ab er Qualitätsstandards eingeführt.

STANDARD: Ihnen wurden auch falsche Gutachten vorgeworfen ...

Haller: Ich habe in den vergangenen acht Jahren acht Klagen und Prozesse erfolgreich hinter mich gebracht. Meine Gutachten sind von den besten Instituten weltweit überprüft worden. Von allen Vorwürfen ist null übrig geblieben. Auch ein Grund, warum viele Kollegen keine Gutachten mehr machen: das Psychiater-Bashing. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 17.6.2014)


Reinhard Haller (Jg. 1951), Psychiater und Neurologe, leitet das Vorarlberger Behandlungszentrum für Suchtkranke, seit 1983 ist er Gerichtssachverständiger.


Nachlese

Experten fordern Qualitätsstandards bei Gerichtsgutachten

  • Artikelbild
    foto: apa/dietmar stiplovsek
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