Lebensraum Dorf: Zurück zum Ursprung

16. Juni 2014, 21:26
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Die Nockregion Oberkärnten und die Drautaler Gemeinde Sachsenburg setzen erfolgreich auf die Neubelebung alter Bausubstanz in ihren Ortskernen

Täglich verlassen etwa vier junge Kärntner das Land. Abwanderung und Überalterung haben bereits tiefe Spuren hinterlassen. Ländliche Regionen fernab der Städte drohen abzusterben. In einstmals schmucken Dörfern macht sich Tristesse breit. In den oft jahrhundertealten Häusern leben zumeist nur mehr alte Menschen.

Zurück bleiben kleinere Gemeinden mit wachsenden Finanzproblemen. Durch die sinkende Einwohnerzahl gibt es auch deutlich weniger Geld aus den Ertragsanteilen des Bundes. Die Kosten für die Infrastruktur wie Kanal, Wasser und Zufahrtswege müssen dennoch von den Gemeinden getragen und auf immer weniger Köpfe verteilt werden. Zudem müssen die Gemeinden steigende Kosten für Soziales und die Spitäler verkraften.

Demografie-Check

Für die Region Nockberge-Oberkärnten liegt die Lösung des Abwanderungsproblems auf der Hand. Seit langem favorisiert man dort die Belebung der Ortszentren und die Zusammenarbeit unter den 16 Mitgliedsgemeinden. Vor kurzem haben sie sich gemeinsam einem Demografie-Check durch die Universität für Bodenkultur Wien unterzogen - mit dem Ziel, neue Lösungsansätze für die Wiederbelebung des ländlichen Raumes zu finden.

"Wir brauchen dringend günstigen Wohnraum für junge Familien und Alleinerzieher", weiß Regionalmanagerin Christine Sitter. Ebenso müssten Mobilität und Kinderbetreuung auf dem Land forciert werden. Letztere könnte genauso wie etwa Wohnraum in alten Häusern, die sonst dem Verfall preisgegeben wären, angesiedelt werden. Wichtig sei, dass die einzelnen Gemeinden eng miteinander kooperieren, sagt Sitter und verweist auf ein Gemeinschaftsprojekt der Regionsmitglieder Gmünd und Malta, die eine alte Schule zu einem Zentrum für Kinderbetreuung umgebaut haben. Daneben gibt es noch andere erfolgreiche Initiativen wie etwa das "Dorfservice" oder die "Generationenarbeit".

Paradebeispiel

Die "Künstlerstadt Gmünd" gilt überhaupt als europaweites Paradebeispiel einer gelungenen Revitalisierung eines einst baufälligen Altbestandes. Vor 30 Jahren begann man die historischen, aber leerstehenden Häuser zu revitalisieren und mit moderner, bildender Kunst zu beleben. Heute ist Gmünd ein pulsierender wirtschaftlicher Faktor mit über 100.000 Tagesgästen pro Jahr, die aus einer Vielfalt von zeitgenössischen Galerien und Ausstellungen oder Konzertveranstaltungen wählen können.

"Wichtig ist, die eigene Bevölkerung über die Auswirkungen von Abwanderung und Überalterung zu informieren und sie auch in Entscheidungen einzubinden", schlägt Radentheins Bürgermeister Martin Hipp (SPÖ) einen Demografie-Check für jede Gemeinde vor. "Wir müssen unsere Lebensräume wieder so aufbauen, dass das Leben bei uns wieder als schön empfunden wird und die Menschen gerne zu ihren Wurzeln zurückkehren."

Auch die 800 Jahre alte Marktgemeinde Sachsenburg am Eingang des Drautales setzt ganz auf die Neubelebung des alten Ortskerns. Jahrelang hat man sich etwa bemüht, von den Bundesforsten ein altes Forsthaus anzukaufen. Nach zähen Verhandlungen war es endlich so weit: Heute beherbergt das Forsthaus eine Arztordination. Im ersten Stock wurden drei Wohnungen mit je 120 m² ausgebaut. "Die haben uns die Leute aus der Hand gerissen", erzählt Amtsleiter Hannes Hartlieb.

Nahversorger als Trumpf

Wichtig für die Attraktivität eines Ortskerns seien auch die Nahversorger. So konnte die Schließung eines langjährigen Adeg-Marktes wegen der Pensionierung des Betreibers verhindert werden. Dem neuen zahlt die Gemeinde die Pacht. "Dafür ist eine Gemeinde da", sagt Hartlieb, "Die Konzerne gehen nur noch in die Städte." Aber auch Häuslbauern greift die Gemeinde finanziell unter die Arme - sie kauft Bauland, schließt dieses auf und gibt es zu 20 Euro pro Quadratmeter weiter.

"Jammern hilft nichts. Man muss eine Gemeinde führen wie einen Wirtschaftsbetrieb. Wenn ich etwas herausbekommen möchte, muss ich auch etwas einsetzen", betont der Sachsenburger Bürgermeister Wilfried Pichler (AG). Und: Politische Streitereien gibt es nicht. Das Gemeindeamt befindet sich - natürlich - in einem renovierten Pfarrhof, ein Stadel fungiert als Veranstaltungszentrum, und der Drauradweg führt mitten durchs Ortszentrum.

Von Gemeindereferentin Gaby Schaunig (SPÖ) erhalten die Bürgermeister volle Unterstützung. "Wir brauchen ein modernes, flexibles Raumordnungsrecht." Sie will eine Trendumkehr zum Bauen auf der grünen Wiese. Seit Herbst 2013 gibt es neue Richtlinien bei der Kärntner Wohnbauförderung, die auch den Altbestand miteinbeziehen. (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, 14.6.2014)

  • In Gmünd, einer der ältesten Städte Kärntens, setzt man seit Jahrzehnten auf Kunst als Wirtschaftsfaktor. In jahrelanger Kleinarbeit wurden leerstehende historische Häuser und Gärten revitalisiert und so attraktiver Lebensraum geschaffen.
    foto: erika schuster

    In Gmünd, einer der ältesten Städte Kärntens, setzt man seit Jahrzehnten auf Kunst als Wirtschaftsfaktor. In jahrelanger Kleinarbeit wurden leerstehende historische Häuser und Gärten revitalisiert und so attraktiver Lebensraum geschaffen.

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