Experten fordern Qualitätsstandards bei Gerichtsgutachten

16. Juni 2014, 17:28
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Nicht nur die mangelnde Qualität von Haftgutachten seien ein Problem, sagen Sachverständige. Es gibt zu wenige Gutachter, diese werden zu schlecht bezahlt. Und es gibt keine Kontrollinstanz, kritisiert die Volksanwaltschaft

Wien - Das Echo auf den STANDARD-Bericht über das gar nicht gute Zeugnis, das eine deutsche Studie Österreichs Gerichtsgutachtern ausstellt, war groß. Viele Justizmitarbeiter, Sachverständige und Anwälte meldeten sich - und bestätigten die Kernaussage der von der Universität Ulm durchgeführten Untersuchung: Die Qualität lässt zu wünschen übrig, oftmals sind forensisch-psychiatrische Gutachten oberflächlich, schlampig, fachlich ungenau.

Und: Es sei weithin bekannt, dass Richter immer dieselben Gutachter beauftragten, die "genehme" Gutachten erstellen. Ein Sachverständiger, der dieses "Geschäft" aufgegeben hat, sagte sogar zum STANDARD: "Wenn man sich nicht persönlich um Richter bemüht, auch mit Geschenken und Abendessen, kommt man nicht zum Zug."

Über die Ursachen scheiden sich die Geister. Nur in einem Punkt sind alle einig: Was Gutachtern - namentlich jenen, die Menschen medizinisch begutachten - für ihre Arbeit gezahlt wird, ist viel zu wenig. Und das ist ein (großer) Teil des Problems.

Weniger als 200 Euro für eine intensive Arbeitswoche

Die bekannte forensische Psychiaterin Gabriele Wörgötter, die in der Wilhelminenberg-Kommission tätig war, berichtet aus 20 Jahren Gutachtertätigkeit: "Schon als ich begonnen habe, wurde immer wieder kritisiert, dass die Gebühren beschämend gering sind. Geschehen ist nie etwas." Nach wie vor bekommt ein psychiatrischer Sachverständiger für "einfache" forensisch-psychiatrische Gutachten 116,20 Euro. Für kompliziertere Gutachten gibt's 195,40 Euro Entlohnung, plus Spesen.

Für ein komplexes Gutachten müsse sie jedoch im Grunde "eine Woche intensive Arbeit" einplanen, sagt Wörgötter. An sich selbst stelle sie den Anspruch, den Probanden "mindestens zweimal zu sehen", sie müsse den Akt studieren, seine Krankengeschichte anfordern und lesen - was oft bis zu vier Wochen dauern könne. Dem gegenüber steht die Strafprozessordnung, die vorsieht, dass Haftgutachten innerhalb von drei Wochen fertigzustellen sind. Wörgötter: "Im Prinzip müsste ich meine Ordination für eine Woche schließen - doch das kann ich mir bei diesen niedrigen Gutachtergebühren nicht leisten."

Was die inhaltliche Qualität von Gutachten betreffe, müsse man freilich differenzieren: "Qualität ist kein absoluter Begriff." In der vom STANDARD zitierten Untersuchung wurde auch die "strafrechtsnormative Argumentation" in vielen Gutachten kritisiert. Sprich: Gutachter formulieren ihre Expertisen schon von vornherein so, dass Richter sie im Prozess für ihre Urteilsbegründungen verwenden können. Dies, so Wörgötter, sei in Österreich nun einmal anders geregelt als etwa in Deutschland: "Das wird von uns auch so verlangt."

Gutachter als Autodidakten

Dass es freilich keine verbindlichen Standards beim Erstellen von Gutachten gibt, sei ihr selbst ein Dorn im Auge: "Das Problem beginnt schon damit, dass wir in Österreich keinen Lehrstuhl für forensische Psychiatrie haben." Österreichs Gutachter seien "Autodidakten, die sich komplett selbstständig weiterbilden". Wörgötter selbst unterrichtet zwar bei einem von der Ärztekammer initiierten Diplomlehrgang für angehende Forensikgutachter, aber: "Das heißt noch lange nicht, dass jene, die diese Ausbildung haben, dann auch von den Gerichten beauftragt werden." Das Phänomen der "Hausgutachter" kenne sie: "Das ist an bestimmten Gerichten üblich."

Volksanwältin Gertrude Brinek fordert etwa die Einführung eines "Zufallsgenerators" an den Gerichten. Sie regt zudem "Werbemaßnahmen" an: "Die Justiz muss sich aktiv um mehr Gutachter bemühen." Und das Wichtigste, aus Sicht der Volksanwaltschaft: "Eine regelmäßige Qualitätskontrolle muss eingeführt werden."

Basiswissen über Menschen

Psychiaterin Wörgötter hält in dieser Hinsicht die Schweiz für ein Vorbild: Dort wurden in einer großangelegten Evaluation zufällig ausgewählte medizinische Gutachten bewertet - und anhand des Ergebnisses ein verbindlicher Katalog mit Standards für künftige Gutachten angelegt. Dazu wäre allerdings auch ein Basiswissen der Richter notwendig, die dann beurteilen müssten, ob diese Standards vom Gutachter auch wirklich eingehalten wurden.

Volksanwältin Brinek geht sogar noch weiter: "Es wäre gut, wenn die Richter überhaupt Basiswissen über die Menschen hätten, über die sie richten." (Petra Stuiber, DER STANDARD, 17.6.2014)

  • Große Mängel beim Blick auf die Häftlinge: Experten aus der Praxis bestätigen den STANDARD-Bericht über eine Studie, die den Gerichtsgutachtern ein schlechtes Zeugnis ausstellt.
    foto: dpa/patrick seeger

    Große Mängel beim Blick auf die Häftlinge: Experten aus der Praxis bestätigen den STANDARD-Bericht über eine Studie, die den Gerichtsgutachtern ein schlechtes Zeugnis ausstellt.

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