Nicht zu Hause und doch daheim

16. Juni 2014, 16:12
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Bei der WM spielen fünf gebürtige Brasilianer, die kein Leiberl in der Seleção haben. Sie sind der Kamm einer Welle von Talenten und schon gestandenen Profis, die Jahr für Jahr aus dem Land in die weite Welt hinausschwappt.

São Paulo - Rund 800 brasilianische Fußballer verlassen Jahr für Jahr ihr Heimatland, um irgendwo auf der Welt Geld zu verdienen. Nicht wenige, die nie eine Chance hätten, in der Seleção zu wirken, schmücken schließlich auch andere Nationalmannschaften. Eduardo Alves da Silva zum Beispiel. Der stand am vergangenen Donnerstag mitten im Trubel der Arena von São Paulo und wusste für einen Moment nicht, ob er die brasilianische Hymne mitsingen sollte. Der Stürmer ist im Armenviertel Vila Kennedy von Rio de Janeiro aufgewachsen, aber er trug in dem für alle Brasilianer so bewegenden Augenblick kurz vor dem Eröffnungsspiel der WM das Trikot Kroatiens.

"Das ist ein sehr emotionaler Moment. Ich trage zwei Herzen in meiner Brust", sagte der 31-Jährige. Eduardo ist einer von fünf Spielern, die in Brasilien aufgewachsen sind, aber bei ihrer "Heim-WM" für ein anderes Land spielen. Die übrigen sind Pepe für Portugal, Thiago Motta für Italien, Diego Costa für Spanien und Sammir ebenfalls für Kroatien.

Profifußballer gehörten schon immer zu den begehrtesten, nun ja, Exportartikeln Brasiliens, und sie werden in vielen Fällen auch genauso behandelt. Häufig schon in frühen Jahren wechseln junge Talente nach Europa oder anderswo auf der Welt. Nach Angaben des nationalen Verbandes CBF stehen aktuell 471 brasilianische Profis allein bei europäischen Vereinen unter Vertrag.

Zu Teamehren schaffen es in Anbetracht der nationalen Konkurrenz aber nur die Ausnahmekönner. Die meisten brasilianischen Profis haben trotz hoher Qualität kaum Chancen auf eine Länderspielkarriere - es sei denn, sie lassen sich einbürgern. Der mittlerweile für Schachtar Donezk spielende Eduardo wechselte schon mit 15 Jahren in die Jugendakademie von Dinamo Zagreb, 2002 erhielt er den kroatischen Pass.

In Österreich war in den vergangenen Monaten die Einbürgerung von Salzburgs Alan ein Thema. Der 24-Jährige spielt seit 2010 in Österreich, am Erhalt der Staatsbürgerschaft wird "seriös gearbeitet". Der in Barbosa im Bundesstaat São Paulo geborene Alan wäre gemäß Regulativ des Weltverbands Fifa ab Dezember 2015 für den ÖFB spielberechtigt.

Verfahrene Situation

Von den fünf eingebürgerten Brasilianern bei dieser WM wären, wenn überhaupt, nur zwei auch für die Seleção interessant gewesen. Torjäger Diego Costa (25), als Diego da Silva Costa in Lagarto im nordöstlichen brasilianischen Bundesstaat Sergipe geboren, bestritt 2013 zwei Freundschaftsspiele für Brasilien, ehe er sich aus Verbitterung über seine Nichtberücksichtigung für den Confederations Cup für Spaniens Mannschaft entschied.

Die Situation um den Starstürmer von Meister Atletico Madrid ist verfahren. Im ersten WM-Spiel der Spanier gegen die Niederlande in Salvador wurde er bei jedem Ballkontakt von den brasilianischen Zuschauern ausgepfiffen. Beim Training in Curitiba wurde er als "Verräter" beschimpft. In seiner Heimatstadt wird Costas Wahl hingegen gutgeheißen. "Wir sind wie ein kleines Eck Spanien in Brasilien", sagt sein Bruder Jair.

Képler Laveran Lima Ferreira, also Pepe (31) von Real Madrid, kam schon vor 13 Jahren aus Maceió, Bundesstaat Alagoas, auf die Atlantikinsel Madeira und erhielt danach in Portugal die Chance und Anerkennung, die er in Brasilien davor vermisst hatte.

"Diese WM ist etwas ganz Besonderes für mich, weil alle meine Verwandten in Brasilien leben", sagte Pepe. "Ich versuche aber trotzdem, etwas Distanz zu diesem Thema aufzubauen, denn am Ende ist das Einzige, was hier für mich zählt, für Portugal auf dem Platz zu stehen." Er habe nach seiner Überzeugung alles richtig gemacht. In Brasilien vermisst ihn kaum jemand. Und in Portugal wird er dafür geschätzt, dass er vor jedem Spiel mit Inbrunst die Hymne mitsingt.

Thiago Motta (31) hat ebenfalls zweimal für die Seleção gespielt, zu seinem und Italiens Glück allerdings im Goldcup 2003 des Verbandes für Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik (Concacaf). Nachträglich wurde argumentiert, dass Brasilien damals nur eine U23-Auswahl eingesetzt habe, weshalb Thiago Motta, der sich noch dazu eines italienischen Großvaters rühmen kann, 2011 einen Pass und also grünes Licht für die Squadra Azzurra erhielt.

Selbst im Weg

Jorge Sammir Cruz Campos, kurz Sammir, der zwischen 2006 und 2013 bei Dinamo Zagreb spielte, musste etwas warten, bis er wie Eduardo für Kroatien antreten durfte. Der zuweilen undisziplinierte Spielmachertyp aus Itabuna in Bahia, der alle brasilianischen Jugendauswahlen durchlaufen hatte, aber dann nicht mehr berücksichtigt wurde, kam erst zum Zug, als der gestrenge Slawe Bilic nach der EM 2012 als Teamchef aufgab. (sid, lü, 17.6.2014)

  • Pepe (rechts) geht die Hymne von Portugal so flott von den Lippen wie Cristiano Ronaldo und Fabio Coentrao (li.). Probleme mit der Sprache  hatte er natürlich nie.
    foto: apa/ap/seco

    Pepe (rechts) geht die Hymne von Portugal so flott von den Lippen wie Cristiano Ronaldo und Fabio Coentrao (li.). Probleme mit der Sprache hatte er natürlich nie.

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