Messis nächster Schritt zur Zuneigung

16. Juni 2014, 16:01
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Der erste Auftritt Lionel Messis in Brasilien war ausreichend, um Argentinien den Erfolg über WM-Debütant Bosnien-Herzegowina zu sichern. Eine Steigerung ist für die Konkurrenz zu befürchten.

Da saß also Lionel Messi in den Katakomben des Maracanã. Er hatte Turnschuhe, weiße Socken, eine kurze Hose und ein blaues Leiberl an. Neben ihm stand jener gesponserte Pokal auf dem Pult, den der "Man of the Match" bekommt. Diese künstlerisch nicht wirklich beeindruckende Skulptur gibt es bei der WM in 64-facher Ausfertigung. Der 26-jährige Messi hat rein theoretisch noch sechs weitere Möglichkeiten. Argentinien müsste dazu allerdings das Finale erreichen und dieses auch gewinnen. Verlierer werden im Fußball selten ausgezeichnet. Es waren lediglich zwei Fragen an Messi gestattet, da musste die Journaille aufpassen. Wissen Sie, wie spät es ist, wäre eine totale Verschwendung gewesen. Es war ungefähr 21.30 Uhr.

Argentinien hatte davor den Debütanten Bosnien-Herzegowina 2:1 geschlagen. Messis Wahl war alternativlos, es hat sich kein anderer aufgedrängt. Das Eigentor von Sead Kolasinac zum 1:0 hat die Nummer 10 mit einer Freistoßflanke vorbereitet, das 2:0 hat sie selbst gemacht. Nach einem Doppelpass mit Sergio Aguero, der im Privatleben Schwiegersohn von Diego Maradona ist. Messis Flachschuss von der Strafraumgrenze landete via Innenstange im Tor. Als hätte es La Pulga, der Floh, genau so gewollt.

Bosniens Teamchef Safet Susic sagte, man könne einen Messi niemals ganz ausschalten. "Sonst wär er nicht der Messi." Sein Schmerz hielt sich in Grenzen. Es sei eine Ehre gewesen, im Maracanã zu spielen, man habe das Land würdig vertreten. Eine Niederlage gegen den Mitfavoriten sei kein Beinbruch. "Weh tut nur das Eigentor." Es war das früheste der WM-Geschichte. Irgendwann mag Pechvogel Kolasinac, der Österreichs Christian Fuchs bei Schalke den Platz links in der Viererkette abgeluchst hat, vielleicht darüber lachen. Unmittelbar nach dem Spiel hat er sein Knie verdammt. Susic: "Ich will, dass Argentinien auch Nigeria und den Iran schlägt. Dann können wir es aus eigener Kraft schaffen."

Die Argentinier haben eigentlich zwei Spiele abgeliefert. Ein ganz schlechtes vor der Pause, ein recht gutes danach. Teamchef Alejandro Sabella hat übrigens die Schuld an diesem Wechselbad auf sich genommen. Der 59-Jährige hat bei seinem Amtsantritt im August 2011 voll auf Messi gesetzt. Er bestellte ihn zum Kapitän, damit er seine Schüchternheit in der Gruppe ablege. Zudem baute er ihm ein neues, maßgeschneidertes System: 4-3-3 statt 4-4-2. Der Floh solle sich, so Sabellas Intention, endlich auch in der Albiceleste und nicht nur beim FC Barcelona wohlfühlen.

Seelenbalsam Tore

In der Qualifikation hat es vorzüglich geklappt. Mit zehn Toren schoss Messi Argentinien nach Brasilien. Es hätten weniger gereicht. Der vierfache Weltfußballer war jedenfalls erleichtert, die Zuneigung in Argentinien wuchs. "Es hat mir schon in der Seele wehgetan, dass ich in meinem Land nicht so geliebt wurde wie in Barcelona."

Welcher Teufel Sabella geritten hat, gegen die Bosnier mit einem 4-4-2-System zu beginnen, weiß maximal der Teufel. Messi wirkte vorn verloren, seine Dribblings misslangen, spätestens beim zweiten Gegenspieler war Endstation. Die Fehlpässe irritierten. In der Halbzeit wurde nach Absprache mit dem Kapitän aufs Bewährte umgestellt, Gonzalo Higuaín als dritte Spitze eingetauscht.

Messi blühte fortan auf, er hatte die Räume, die er und Argentinien zum Glück benötigen. Sabella entschuldige sich bei den Journalisten, die zu ihm Professor sagen. In Südamerika werden Teamchefs oft so genannt. Aus Respekt, Unterwürfigkeit oder Spaß, egal. Professor Marcel Koller würde seltsam klingen. Der reuige Sünder sagte: "Ich habe einen Fehler gemacht, auch ich muss lernen. Wir alle müssen zulegen." Ad Messi: "Er ist der Beste der Welt, egal wie das Turnier ausgeht." Das Tor war übrigens erst sein zweites bei einer WM-Endrunde. 2006 erzielte er sein erstes beim 6:0 gegen Serbien in Gelsenkirchen. 2010 in Südafrika war Ebbe und Coach Maradona weg.

Messi saß also im Maracanã. Er spricht übrigens leise. Die erste Frage hat er nur indirekt beantwortet. Wie viel ihm das Tor persönlich bedeutet? "Wichtig ist, dass die Mannschaft gewinnt, nur das Resultat zählt. Es war eine große zweite Hälfte. Und eine kleine erste. Da ist nicht viel los gewesen, ich war irgendwie allein und zu weit weg vom Ball. Wir konnten keinen Druck erzeugen, haben sie spielen lassen." Die zweite Antwort: "Wir müssen uns steigern, dürfen nicht experimentieren."

Argentiniens Medien waren in ihrer Einschätzung ziemlich einig, sie schrieben von einer durchwachsenen Vorstellung. Messi wurde gelobt, nicht geadelt. "Man of the Match" reichte fürs Erste. (Christian Hackl aus Rio de Janeiro, DER STANDARD, 17.6.2014)

  • Lionel Messi hat seine dritte Endrunde mit seinem zweiten WM-Tor begonnen. Und mit einer Auszeichnung.
    foto: apa/epa/weiken

    Lionel Messi hat seine dritte Endrunde mit seinem zweiten WM-Tor begonnen. Und mit einer Auszeichnung.

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