"Am Kopftuch der Putzfrau hat sich niemand gestoßen"

Interview16. Juni 2014, 16:18
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Politologin Stefanie Mayer über den Glauben der 1970er, warum es Türken schwer haben würden

derStandard.at: Ab den 1960ern kamen viele Türken als Gastarbeiter nach Österreich. Wie wurden die Türken und Türkinnen damals gesehen?

Mayer: Die Türkei wurde damals wie heute als rückständiges Land gesehen – aber die Türken wurden nicht als grundsätzlich anders verstanden. Das ist der zentrale Unterschied zu heute: Heute spielen Fragen der Kultur, der Religion, der angeblich türkischen Werte eine viel größere Rolle als früher.

derStandard.at: Inwiefern stand Religion damals nicht im Vordergrund?

Mayer: Damals hieß es: „Die sind so wie wir vor 30 Jahren“. Heute hingegen heißt es, das ist eine grundsätzlich andere Kultur, die mit der unseren unvereinbar ist, die türkische Mentalität sei nicht mit Demokratie und Frauenrechten in Einklang zu bringen und so weiter. Da wird viel ins Wesen der Menschen hineinprojiziert.

derStandard.at: Ein konkretes Beispiel dafür?

Mayer: Man merkt das daran, an welchen Themen sich die großen Konflikte entzünden: am Bau von Moscheen oder – noch symbolhafter – an der Frage, wie hoch ein Minarett sein darf. Alles, was es an sozialen Auseinandersetzungen gibt, von den Jugendlichen im Park bis hin zur Bildungspolitik, wird in die religiösen Symbole hineinprojiziert. Ein weiteres Beispiel ist das Kopftuch – wobei das sicher auch mit sozialem Aufstieg zu tun hat. Am Kopftuch der Putzfrau hat sich früher ja niemand gestoßen, aber wenn eine Lehrerin es trägt, sieht es anders aus.

derStandard.at: Warum brauchen die Menschen diese symbolhaften Diskussionen?

Mayer: Wann immer man über Stereotype spricht, über „Bilder von Türken“, sagt das mehr über die österreichische Mehrheitsgesellschaft aus als darüber, wie Türken und Türkinnen tatsächlich sind. Das Stereotyp der unterdrückten türkischen Frau sagt vor allem aus, dass sich die Gesellschaft selbst als emanzipiert, fortschrittlich, liberal versteht. Alles, was man nicht sein will, wird auf andere projiziert.

derStandard.at: Wann hat eigentlich die Integrationsdebatte begonnen?

Mayer: In den Sechziger- und Siebzigerjahren setzte Österreich ja darauf, dass diese Menschen für ein paar Jahre hierherkommen und dann wieder zurückgehen – insofern ist von den Türken gar nicht erwartet worden, dass sie sich mit Österreich identifizieren. Erst Ende der Siebzigerjahre beginnt dann langsam ein Integrationsdiskurs, wobei Integration damals anders verstanden wurde.

derStandard.at: Wie wurde Integration damals definiert?

Mayer: Es wurde noch nicht so sehr als Aufgabe der Migranten bezeichnet. Man hat gesagt: Das Rotationsprinzip funktioniert offenbar nicht, die Leute bleiben hier, der Staat muss sich also etwas Neues überlegen und andere Angebote machen – beispielsweise für die Bildung der Kinder, fürs Erlernen der Sprache. Das lief auf einer ganz pragmatischen Ebene: Es ist ein Problem im Alltag, wenn die Menschen sich nicht gut verständigen können – aber weniger als Frage der Identität und Kultur. Was auch interessant ist: In den frühen sozialwissenschaftlichen Texten aus dem Umfeld der Sozialpartnerschaft hieß es oft, die Staatsbürgerschaft sei eine Voraussetzung für Integration. Heute ist das ja ganz anders – da wird die Staatsbürgerschaft als krönender Abschluss des Integrationsprozesses bezeichnet.

derStandard.at: Welche Integrationsangebote hat man den Migranten in der Folge gemacht?

Mayer: Gar keine – das beginnt erst in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre, mit Ansätzen für muttersprachlichen Unterricht in Schulen oder einem Gesetz, das Migranten, die schon sehr lange in Österreich leben, eine bessere Aufenthaltssicherheit gibt als Leuten, die neu zuziehen. Das hat sehr lange gedauert, bis wirklich konkrete Maßnahmen gesetzt wurden.

derStandard.at: Warum hat das so lange gedauert?

Mayer: Das hat sicher mit der Wirtschaftskrise Anfang der Siebzigerjahre zu tun – man wollte möglichst Arbeitslosigkeit wieder ins Ausland „exportieren“, also Arbeitskräfte wieder loswerden. Der Staat hat es zum Beispiel Gastarbeitern, die nur für kurze Zeit ins Ausland gegangen sind, schwerer gemacht, wieder zurückzukommen. Für viele war das aber erst ein Anstoß zu sagen: „Okay, wenn das so unsicher ist, ist es besser, hierzubleiben, die Familie nachzuholen.“

derStandard.at: Gab es Begriffe wie Parallelgesellschaft in den Siebzigerjahren schon?

Mayer: Der Begriff ist mir nicht untergekommen. Es gab eher ganz pragmatische Überlegungen: dass zum Beispiel Muslime keinen Alkohol trinken und es deshalb schwer hätten, an der österreichischen Geselligkeit teilzuhaben. Aus heutiger Sicht sind das lustige Problematiken, damals war das aber durchaus ernst gemeint. Man sieht hier, wie Religion auf ganz praktische Alltagsprobleme heruntergebrochen wird – im Unterschied zu heute.

derStandard.at: Die Forderung, sich zu integrieren, wurde an die türkischen Familien also nicht gestellt – auch nicht von der FPÖ?

Mayer: Nein, und ich behaupte, dass das auch heute noch so ist: Der FPÖ ging es nie um Integration– dazu würde ja Gleichberechtigung von Menschen anderer Herkunft gehören. Die FPÖ war immer für möglichst niedrige Hürden der Arbeitskräfte-Rotation, wollte es Betrieben leicht machen – aber die Menschen sollten keine längerfristige Perspektive in Österreich haben. Insofern hat sich im Vergleich zu heute wenig geändert.

derStandard.at: Heute hört man aber öfters die Forderung nach Anpassung.

Mayer: Das stimmt, wobei ich unterstellen würde, dass diese Anpassungsforderung nur eine Waffe von vielen aus dem Arsenal gegen Migranten ist: Man stellt die Anpassungsanforderung so, dass sie unmöglich zu erfüllen ist. Und es wird auch sehr bewusst so unmöglich gehalten. (Maria Sterkl, derStandard.at, 16.6.2014)

Stefanie Mayer ist Politikwissenschafterin an der Uni Wien.

  • Wie die Österreicher der 1970er-Jahre über die türkischen Zuwanderer dachten: "Es gab ganz pragmatische Überlegungen: dass zum Beispiel Muslime keinen Alkohol trinken und es deshalb schwer haben, an der österreichischen Geselligkeit teilzuhaben", erklärt Politologin Stefanie Mayer.
    foto: standard/urban

    Wie die Österreicher der 1970er-Jahre über die türkischen Zuwanderer dachten: "Es gab ganz pragmatische Überlegungen: dass zum Beispiel Muslime keinen Alkohol trinken und es deshalb schwer haben, an der österreichischen Geselligkeit teilzuhaben", erklärt Politologin Stefanie Mayer.

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