Lana Del Rey: Einsamkeit hat viele Namen

16. Juni 2014, 17:18
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Die amerikanische Kunstfigur Lana Del Rey untermauert mit dem neuen Album "Ultraviolence" ihren Ruf als geschickte Spielerin mit mythenbeladenen Versatzstücken der US-Popkultur

Wien - Zuletzt hörte man dieses haltlose Schmachten und Sehnen in der ewigen amerikanischen Nacht ab Mitte der 1980er-Jahre bei Chris Isaak. Der Wiedergänger von Elvis Presley perfektionierte damals auf Alben wie Silvertone, Heart Shaped World oder Forever Blue eine vom Rock 'n' Roll Richtung Engtanz strebende Form der Balladenkunst. Am Ende blieb bei dieser der Sänger um vier Uhr früh allein auf der Tanzfläche übrig. Die Musik ist aus, die Lichter gehen an. Das Putzkommando löst die Liveband ab. Der Protagonist hat nur noch sich selbst zum Umarmen, während er sich sediert in einem Takt wiegt, den nur er selbst hören kann.

Elisabeth Grant wird auch an Chris Isaak gedacht haben, als sie bald 30 Jahre später nach einem unbeachteten Soloalbum unter bürgerlichem Namen die Kunstfigur Lana Del Rey erfand. 2012 erschien ihr Debüt Born To Die. Die darauf enthaltenen Songs, allen voran der kleine Welterfolg Video Games, spielten mit stark verhallten Melodiegitarren, schleppenden Trauermarschrhythmen, allerlei Streicherbrimborium und leider auch völlig unpassenden synthetischen Trip-Hop-Elementen, über denen Lana Del Rey mit dunklem, manchmal durch bizarr spitzes Gegreine gebrochenem Timbre den sterbenden Schwan gab. Das war dann auch aufgrund von Unsicherheiten und einer durch Schockstarre im Scheinwerferlicht bedingten Steifheit auf der Bühne doch eher unglaubwürdig.

Auch einige von der Tonlage her katastrophal versemmelte TV-Live-Auftritte der aus gutem Hause aus dem US-Wintersportort Lake Placid stammenden Sängerin halfen nicht, die ursprünglich in Deutschland unter Plattenvertrag stehende Wahl-New-Yorkerin auf dem amerikanischen Markt zu etablieren. Dennoch verkaufte sich das Album Born To Die weltweit fünf Millionen Mal.

Mit Dan Auerbach als Produzenten hat sich die 27-jährige Sängerin und Songschreiberin nun endlich einen adäquaten Musiker ins Team geholt. Der Mann hat mit seiner eigenen Band Black Keys nicht nur gerade ein eigenes neues Album namens Turn Blue veröffentlicht. Seine Vorliebe für historische Musikstile wie Rock und Blues und jahrzehntealtes Vintage-Studioequipment und verhaltensauffällige Schrottgitarren aus vierter und fünfter Hand bekommt nun auch den neuen Liedern Lana Del Reys mehr als prächtig.

Sonnenaufgang in Sepia

Die Themen sind in Songs wie Cruel World, Sad Girl, The Other Woman oder Pretty When You Cry dieselben geblieben. Einsamkeit, Verzweiflung, Tränen, Trauer, Resignation. Mit lebensmüder Stimme schleppt sich Del Rey als historisches Konglomerat sämtlicher Klischees gefallener Hollywood-Diven durch die Nacht. An deren Ende geht die Sonne höchstens in Schwarz-Weiß auf.

Es könnte aber auch regnen - oder Smog über dem Traum von der Westcoast liegen, der auf der aktuellen Single über einem unerwartet forschen Bluesrock-Beat besungen wird. Lana Del Rey setzt nicht nur bei den Gitarren auf viel Twang und Hall und ein Setting, das man gewöhnlich dem ebenfalls den Blues singenden Regisseur David Lynch zuschreibt. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 17.6.2014)

  • Lana Del Rey (27) verbindet das Klischee einer gebrochenen Hollywood-Diva mit Balladenkunst und den Settings eines David Lynch.
    foto: universal

    Lana Del Rey (27) verbindet das Klischee einer gebrochenen Hollywood-Diva mit Balladenkunst und den Settings eines David Lynch.

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