Bedrohung durch antibiotikaresistente Bakterien wächst

Leserkommentar16. Juni 2014, 12:33
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"Warum habt ihr keine Angst?", fragt sich ein Chemiker

Wie kann es sein, dass eine normalerweise so zur Furcht bereite Gesellschaft wie unsere, so völlig gleichgültig ihrer größten Bedrohung seit dem Schwarzen Tod entgegen driftet? Von Atomkraft bis Zucker gibt es inzwischen kaum noch etwas, das nicht breiten Kreisen der Bevölkerung Angst macht - auffällige Ausnahme ist die Bedrohung durch antibiotikaresistente Bakterien, die in den nächsten zwanzig Jahren nicht nur die Medizin auf den Stand von 1890 zurückwerfen wird, wenn wir nichts unternehmen. Warum treibt das Thema niemanden auf die Straße?

Die populärsten Bedrohungen eint, dass sie neu und fremd sind, oft auch irgendwie technisch, und dass man sie als Laie nicht wirklich begreifen kann. Be-greifen auch im Wortsinne: Angst macht, was unsichtbar und deswegen unfassbar unserer Abwehr entzieht - Strahlung, oder dieser oder jener kompliziert benannte Stoff im Essen. Mit chemischen Bezeichnungen kann man sehr gut Angst machen. Sie klingen fremd, seltsam, irgendwie komisch.. doch sind sie konkret genug, etwas zu fürchten zu haben. Das Cäsium im Brot oder der Hirntumor, den die Handystrahlung bringt: Die neuen Monster unter dem Bett. Was sind Albträume ohne Gegenstand?

Tatsachen sind sekundär

Wie stark man so eine Bedrohung empfindet, hat jedenfalls wenig damit zu tun, welche tatsächliche Gefahr von etwas ausgeht. Das wissen wir schon aus dem Alltag: Gegen Flugangst gibt es sogar professionelle Lehrgänge - aber wer hat schon mal von Auto-Angst gehört? Die Chance, im Auto zu sterben, liegt zwei bis drei Größenordnungen höher als im Flugzeug.

Zu jeder prominenten Kontroverse finden wir dutzende, wenn nicht hunderte Studien. Die Bedeutung von Wissenschaft und harten Fakten akzeptieren alle Diskutanten - zumindest rhetorisch. Aber je mehr dieser Studien existieren, desto geringer scheint mir die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwen zu einem Meinungswandel bewegen.

Tatsächlich kann man ganz gut beobachten, dass Sachargumente für politisches Engagement eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Ob ein Mensch sich persönlich für oder gegen etwas einzusetzen bereit ist, hängt vor allem an der emotionalen Reaktion. Gefühl schlägt Gehirn.

Panikmache

Ich kann ja - Probe aufs Exempel - mal versuchen, euch mit ein paar ausgewählten Fakten Angst zu machen: Schon 2015 werden in Europa etwa 15.000 Menschen allein an zwei Arten von Keimen sterben - dem lange bekannten MRSA und resistenten Varianten von E. coli, unser aller Lieblings-Darmkeim. Da sind so amüsant Sachen wie Klebsiella oder Tuberkulose gar nicht mit drin. Die US-Seuchenbehörde CDC, die reichlich Erfahrung mit Killerkeimen vorweisen kann, hat die Hosen inzwischen so voll, dass sie zu apokalyptische Sprache greift. Das sind Leute, die sich täglich mit den ekligsten bekannten Krankheiten rumschlagen. Wenn die schon in Katastrophenrhetorik verfallen, darf man anfangen, sich Sorgen zu machen.

Wusstet ihr außerdem, dass sich gefährliche Erreger in Lebensmitteln global verbreiten? Nachgewiesen hat man das gerade an Tintenfischen aus Korea, aber das ist sicher kein Einzelfall. Ein beträchtlicher Anteil unserer Import-Meeresfrüchte wie Shrimps oder Tilapia wächst in asiatischen Zuchtteichen heran. Und geneigte Leser werden sich erinnern, dass der unangenehme HUSEC-Keim von 2011 an Grünzeug klebte.

Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, kann schon eine Schnittwunde am Finger tödlich sein, oder ein entzündeter Zahn. Würdet ihr euch noch operieren lassen, wenn die Infektionsverhütung nicht mehr funktioniert und ein Zehntel aller Patienten an irgendwelchen Bakterien sterben? Operieren meint übrigens auch so was wie Zahn ziehen oder Leberfleck entfernen. So sieht die keineswegs mehr ferne Zukunft der Medizin aus, die ersten vollständig immunen Keime tauchen gerade auf. Glaubt bloß nicht, dass Heißwasser und Chlorbleiche routinemäßige Antibiotikagaben ersetzen können. Ach ja, und gegen Bleiche sind einige Bakterien auch schon resistent.

Ich könnte noch seitenlang weitermachen, aber ihr seid sicher im Bilde. Hand auf's Herz: Kriegt ihr Angst? Habt ihr das dringende Bedürfnis, eine Bürgerbewegung zu gründen und Druck auf die Politik zu machen? Vermutlich nicht.

Zu nah und doch zu fern

Angst als politischer Impuls ist ein Phänomen der Halbdistanz. Resistenzen sind zu unkonkret, dass man sich leicht ein Bild des Feindes machen kann. Infektionskrankheiten andererseits sind uns zu nah. Wir hatten alle schon mal eine Infektion und haben sie, mal mit mal ohne medizinische Unterstützung, mühelos überstanden. Vor Infektionskrankheiten hat heutzutage kaum noch jemand Angst - es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es die Antibiotika selbst waren, die uns diese Last von den Schultern genommen haben.

Aber all diese Krankheiten sind nicht weg, sie rennen nur gegen Wälle an, die ihnen das Gesundheitssystem vor die Nase gesetzt hat. Diese Deiche bröckeln dramatisch. Die einzigen, die sich dafür interessieren, sind Fachleute - denn was Bedrohungen angeht, verlassen wir uns meist auf unser Bauchgefühl. Dies angemessen in Wallung zu bringen, sind Antibiotikaresistenzen anscheinend nicht geeignet. (Leserkommentar, Lars Fischer, derStandard.at, 16.6.2014)

Lars Fischer ist Chemiker und schreibt als Online-Redakteur bei Spektrum der Wissenschaft auf spektrum.de hauptsächlich über Chemie, Infektionskrankheiten und Lebenswissenschaften. Dieser Text erschien ursprünglich bei scilogs.de.

Twitter: @Fischblog

Blog von Lars Fischer bei scilogs.de

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