Alstom: Siemens lässt Japanern den Vortritt

16. Juni 2014, 17:34
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Siemens steigt in den Bieterwettbewerb um den französischen Konzern Alstom ein – aber nur mit einem Bein

Paris/Wien - Wenige Stunden vor Torschluss legte Siemens-Chef Joe Kaeser am Montagabend sein Gegengebot für Alstom vor. Und die Überraschung in Paris war groß: Anders als der große US-Konkurrent General Electric (GE) wollen die Münchner den angeschlagenen Energie- und Transportkonzern nicht mehr übernehmen. An ihrer Stelle soll der japanische Partner Mitsubishi Heavy Industries – und nur er – "bis zu zehn Prozent" an Alstom erwerben. Letzterer bliebe damit "französisch", wie das Siemens-Kommuniqué betont.

Der Mitsubishi-Konzern, der in Japan in Dutzende von Gesellschaften gegliedert ist, brächte sein Geschäftsmodell damit nach Europa: Statt einer Übernahme schlägt Konzernchef Shunichi Miyanaga der Alstom-Leitung die Bildung von drei Joint Ventures vor. Das gilt namentlich für den Bereich der Dampfturbinen, die in Kern- und anderen Kraftwerken zum Einsatz kommen. Mitsubishi interessiert sich vor allem dafür und ist bereit, 3,1 Mrd. Euro zu investieren.

Arbeitsplatzgarantie

Siemens selbst will nur noch Alstoms Gasturbinen – die unter anderem in Deutschland hergestellt werden – für 3,9 Mrd. Euro aufkaufen. Die europäische Zentrale für das Gasservicegeschäft soll aber in Frankreich angesiedelt werden. Auch gibt Siemens den Alstom-Mitarbeitern eine "Arbeitsplatzgarantie auf drei Jahre", wie das auch GE getan hatte.

Ansonsten hält sich der deutsche Großkonzern stark zurück. Sogar in der Bahnsparte, die er ursprünglich in ein reines Alstom-Unternehmen überführen wollte, wäre Siemens nur noch unverbindlich "bereit, ein langfristiger Ankeraktionär zu werden". Vorerst dürften die französischen TGV- und die deutschen ICE-Züge also nicht zusammengelegt werden.

In Paris war am Montag die Rede von einem "radikalen Wechsel" (so "Le Monde") der Siemens-Strategie. Kaeser zieht die Konsequenzen aus zwei Hürden: Alstom-Chef Patrick Kron scheint Siemens alles andere gewogen zu sein; und eine Übernahme des ganzen Energiebereichs hätte zumindest die EU-Wettbewerbshüter auf den Plan gerufen. Erhielte Siemens den Zuschlag für die Gasturbinen, käme Kaeser seinem Ziel näher, dem Branchenrivalen GE den Zutritt zum europäischen Markt zu versperren.

Unabhängigkeit

Auf der Strecke bleibt allerdings das anfängliche Ziel der französischen Regierung, im Energie- und Transportbereich je einen "Airbus" aus den Alstom- und Siemens-Teilen zu bilden. Staatspräsident François Hollande hatte sich aus diesem Grund auf die Seite von Siemens geschlagen. Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg ist aber genug flexibel, um eine "japanische" Lösung zu prüfen, sofern diese die Unabhängigkeit Alstoms bewahrt.

Kaeser und Miyanaga reisten deshalb nach Paris, um ihre Absichten zu erklären. Am Montag trafen sie zwar nicht Kron selbst, dafür Jean-Martin Folz, der die Alstom-Gebote zu prüfen hat. Am Dienstag haben sie einen Termin bei Hollande und vor einem französischen Parlamentsausschuss. Offenbar wollen auch die Amerikaner "bedeutende" Nachbesserungen vornehmen, wie es in Paris hieß.

Gewinner dieses äußerst zähen Bietwettbewerbs ist vorerst Alstom und auch die französische Regierung, die am Sonntag selbst um "bessere Angebote" gebeten hatte.

Kooperationen

Sowohl GE als auch Siemens-Mitsubishi lassen aber einige Detailpunkte – etwa nach der genauen Kapitalstruktur und dem Erhalt der Marke Alstom – unbeantwortet. Die Amerikaner müssen sich überlegen, ob sie davon abrücken sollen, die gesamte Energiesparte von Alstom – 70 Prozent des Unternehmens – schlucken zu wollen. Mitsubishi hat zu präzisieren, wie die Kooperationen im Bereich der Dampfturbinen genau vonstatten gehen sollen.

Letztlich läuft der ganze Übernahmepoker auf die Frage heraus, wie viel Alstom noch zu sagen haben wird. Das heißt, wie viel für die Mitbieter überhaupt noch zu „holen“ ist. Siemens hat dies vorausgesehen und hält sich geschickterweise zurück – nicht zuletzt sicher auch deshalb, um sich auf die interne Restrukturierung konzentrieren zu können. In Paris erhält man allerdings mehr und mehr den Eindruck, dass es Kaeser gar nicht um Alstom gehe, sondern nur um die Abwehr von GE. Diesbezüglich hat er in Paris noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 17.6.2014)

  • Siemens ringt mit GE um die Übernahme von Alstom.
    foto: dpa

    Siemens ringt mit GE um die Übernahme von Alstom.

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