Orientierungslos zwischen Tetris-Blöcken

16. Juni 2014, 00:17
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"Supergute Tage": Jugendliche Entdeckungsreise im Wiener Volkstheater

Wien - Blaue Quader überall. Das Bühnenbild im Wiener Volkstheater ist so heimelig wie ein Operationssaal. Es ist eine Welt, die derart von kühler Ratio beherrscht ist, dass sie kaum Anhaltspunkte zur Orientierung bietet, die Welt von Christopher, 15 Jahre, drei Monate und zwei Tage alt. Er kann gut mit Zahlen umgehen, besser als mit Menschen, deren Sprache und Mimik ihm oft Rätsel aufgeben. Denn Christopher ist Autist und als solcher der Erzähler von Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone.

Simon Stephens hat den bei Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen erfolgreichen Roman seines englischen Landsmanns Mark Haddon für die Bühne adaptiert. Die von Matthias Kaschig inszenierte österreichische Erstaufführung durfte sich bei ihrer Premiere eines ähnlich großen Zuspruchs erfreuen.

Erzählt wird vordergründig eine Kriminalgeschichte. Der Nachbarshund wurde ermordet - die Tatwaffe, eine Mistgabel, ist das einzige Requisit auf der Bühne - und Christopher möchte den Fall in bester Sherlock-Holmes-Manier lösen. Tatsächlich gerät der Fall jedoch bald in den Hintergrund, wird Katalysator einer Entdeckungsreise, die Christopher weit über den heimischen Vorstadtgarten hinausführt.

Während die Bühne (Michael Böhler) durch das Herausbrechen von Tetris-Blöcken an Kontur gewinnt, erschließt sich auch dem jugendlichen Protagonisten die Welt ein wenig mehr. Er entdeckt das Geheimnis hinter dem vermeintlichen Tod seiner Mutter, fährt allein bis ins wilde London und stellt schließlich, auf seine Leistungen stolz zurückblickend, fest, dass er eigentlich alles kann.

Der von Matthias Mamedof großartig verkörperte Bub steht zwar stets im Zentrum von Supergute Tage, sein nächstes Umfeld und dessen Umgang mit Christophers Verhalten ist aber nicht weniger wichtig: der sich aufopfernde Workingclass-Dad (Patrick O. Beck), der auch mal einen gepflegten Auszucker kriegt, die an den Bedürfnissen ihres Sohnes verzweifelnde Mutter (Martina Stilp) oder Christophers Mentorin Siobhan (Annette Isabella Holzmann), die dessen niedergeschriebene Erlebnisse vorliest und als Theaterstück zu inszenieren versucht. Claudia Sabitzer und Thomas Bauer übernehmen in diesem alle weiteren Rollen, die von der tratschenden Nachbarin bis zu einem Golden Retriever reichen.

Es ist ein grundsympathisches Stück, mit einigen putzigen Einfällen und großflächigen Videoprojektionen (Francis Eggert, Vera Knab) optisch ansprechend in Szene gesetzt. Leider hat die zweieinhalbstündige Inszenierung besonders in der ersten Hälfte ihre Längen, und auch wenn im Gegensatz zu den meisten Jugendtheaterstücken weniger auf flotte Pointen hingespielt wird, so kann man sich als Zielgruppe am ehesten in Schulklassenformation antretende Jugendliche vorstellen. Dennoch großer Jubel. (Dorian Waller, DER STANDARD, 16.6.2014)

17. und 23. 6., Wiederaufnahme in der kommenden Spielzeit

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Volkstheater

  • Christopher! - Matthias Mamedof vor Martina Stilp.
    foto: apa/herbert neubauer

    Christopher! - Matthias Mamedof vor Martina Stilp.

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