"Little" Jimmy Scott gestorben

15. Juni 2014, 19:06
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Zum Tod des magischen Jazz- und Soul-Sängers

Los Angeles - Bedurfte es eines Beweises, dass wahre Größe sich nicht quantitativ belegen lässt, konnte man verlässlich mit Jimmy Scott argumentieren. Den US-Sänger nannten angesichts seiner zarten Erscheinung alle nur Little Jimmy Scott - doch kleinhalten ließ er sich nicht. Der 1925 in Cleveland, Ohio, geborenen Sänger besaß eine Ausnahmestimme. Geschuldet war diese dem Kallmann-Syndrom, einem genetischen Defekt, der verhinderte, dass Scott in den Stimmbruch kam.

Das verlieh dem früh verwaisten Knaben eine Stimme, von der Billie Holiday sagte, es sei die schönste der Welt. Damit war sie nicht allein. Einen ersten Erfolg verbuchte er mit Lionel Hamptons Band und dem Song Everbody's Somebody's Fool. Das war 1950, aber die Welt erfuhr nicht, dass es seine Stimme war, der sie da lauschte - ein Rückschlag für Scott. Später schien Ray Charles seiner Karriere auf die Sprünge zu verhelfen. Mit ihm nahm er das meisterliche Falling in Love is Wonderful auf, doch aufgrund früherer Verträge wurde es eingestampft (erst 2001 aufgelegt).

Frustriert verdingte sich Scott in den 1960ern als Liftboy oder Krankenpfleger. Doch als er 1991 beim Begräbnis seines Freundes Doc Pomus sang, läutete das eine späte Weltkarriere ein. Regisseur David Lynch verwendete seine Musik für Twin Peaks: Lou Reed buchte ihn für Magic and Loss, und Plattenboss Seymour Stein gab ihm einen Vertrag. Es folgten Grammy-gewürdigte Alben wie Dream, Heaven oder Holding Back The Years, auf denen Scotts rare Kunst vor allem in Coverversionen erblühte.

Als Meister der Verzögerung ließ Scott darauf seine brüchige Stimme durch die Schluchten menschlichen Gefühlsspektrums gleiten und rang Songs wie Lennons Jealous Guy oder Heaven von den Talking Heads ungeahnte Intensitäten ab. Mehrmals konnte man Scott in Österreich erleben, jedes Mal hinterließ er ein ungläubig gläubiges Publikum. 1953 sang er bei den Inaugurationsfeierlichkeiten des US-Präsidenten Dwight Eisenhower, 1993 bei jenen von Bill Clinton.

Er arbeitete mit Charlie Parker, Sarah Vaughan, mit David Byrne, Antony Hegarty und vielen anderen mehr. Immer schon eine fragile Erscheinung, wirkte er schon lange sehr gebrechlich. Nun ist dieser besondere Sänger für immer verstummt. Der große Jimmy Scott wurde 88 Jahre alt. (Karl Fluch, DER STANDARD, 16.6.2014)

  • Fragile Intensität: "Little" Jimmy Scott.
    foto: apa/epa/andree-noelle pot

    Fragile Intensität: "Little" Jimmy Scott.

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