Schrei nach Aufstockung

Kolumne15. Juni 2014, 18:37
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So eine WM ist nicht nur ein Geschäft für die Fifa, nein, sie ist eine nationenverbindende Veranstaltung. Bosnier trinken mit Argentiniern, Belgier umarmen Russen, Kameruner singen mit Brasilianern. Auf der Copacabana geht es richtig ab, wunderbar. Ziemlich weit weg davon, im Stadtteil Flamengo, saß der Mann mutterseelenallein in einer Bar. Er kämpfte tapfer gegen den Darmvirus, löffelte eine klare Suppe, um den Flüssigkeitsverlust aufzuholen.

Plötzlich nahte das Unheil in Form von drei Männern. Es mussten Deutsche sein, denn Japaner tragen andere Dressen. Es waren Deutsche. "Ist da noch Platz", lallten sie, der Mann sagt "ja", ein folgenschwerer Fehler. Abgesehen davon sind sie lange vor dem "ja" gesessen. "Du bist auch Deutscher" kreischten sie in einer Aufdringlichkeit, die Ärgstes befürchten ließ.  "Nein, Österreicher", sagte der Mann und begann innerlich zu weinen. Sie fanden das wahnsinnig komisch, tranken Caipirinha in Schallgeschwindigkeit. Und quatschten auf den wehrlosen Mann ein. Ihn ihm reiften schlimme Gedanken. Möge Portugal gewinnen, und das nicht zu knapp. Reicht es nicht, dass ihr unsere Skihütten bekommen habt?

Aber dann dachte er sich, mein Gott, die Deutschen sind wahnsinnig nett, ohne sie würden unser Tourismus und ganz Europa vor die Hunde gehen. Die Mannschaft ist sympathisch, spielt  tollen Fußball. Die drei Halblustigen mussten die Ausnahme sein.  "Ihr Ösis seid ja gar nicht dabei, ihr werdet nie dabei sein, haha." In einem unbeobachteten Moment entwischte der Mann. Seine letzte Hoffnung heißt ausgerechnet Joseph. S.  Blatter. Er soll dieses interplanetare Ereignis endlich auf 64 oder 128 Teams aufstocken. Blatter hätte mehr Geld, der Mann seine Ruhe. (Christian Hackl, DER STANDARD, 16.06.2014)

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