"Sie tauschen moralische Freiheit gegen Sicherheit"

Interview15. Juni 2014, 18:04
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Thomas Hegghammer: Schwache Regierungen begünstigen Aufschwung islamistischer Gruppen

Schwache Regierungen haben Islamistengruppen wie der Isis im Irak erst die Möglichkeit verschafft, sich aufzubauen sagt Experte Thomas Hegghammer zu Manuel Escher.

Standard: Islamistische Gruppen - etwa Isis im Irak, Aqim und Boko Haram in Afrika oder die Taliban - werden oft gemeinsam betrachtet. Haben sie gemeinsame Ziele?

Hegghammer: Es gibt durchaus gemeinsame Nenner. Besonders die Ablehnung demokratischer Politik. Für sie besteht die Wahl darin, zu regieren und ihre Art der Scharia durchzusetzen - oder zu kämpfen. Ein zweiter Punkt ist, dass sie alle Al-Kaida bewundern. Sie sehen sich selbst als Teil einer ideologischen Gemeinschaft. Dann beginnen sie, sich zu unterscheiden.

Standard: In welchen Bereichen?

Hegghammer: Vor allem in ihren regionalen Agenden. Sie nehmen ungern Befehle anderer an. Der Konflikt zwischen Isis und Al-Kaida dreht sich um Kontrolle. Al-Kaida hat sich distanziert, weil sie diese nicht kontrollieren konnten.

Standard: In Isis' Selbstsicht ist diese Gruppe Regierung eines Staates. Auch andere haben versucht, Gebiete zu kontrollieren.

Hegghammer: Isis ist eher die Ausnahme, indem sie sich bereits als alternativer Staat präsentiert. Aber auch die, die noch als Gruppen auftreten, haben am Ende das Ziel zu regieren. Es gibt kein klares Programm, wie eine solche Regierung aussehen würde. Beispiele wie Rakkah in Syrien oder früher der Südjemen stehen im Kontext des Krieges. Wir wissen nicht, wie ihr idealer Staat in einer normalen Zeit aussehen würde.

Standard: Sind Verhandlungen mit ihnen vorstellbar?

Hegghammer: Es ist nicht unmöglich, mit Gruppen wie Isis zu verhandeln. Aber man bekommt nur einen vorübergehenden, taktischen Deal. Man kann einen Waffenstillstand verhandeln, würde aber nie einen Friedensvertrag erhalten. Ihr Langzeitziel - ein transnationales Kalifat - ist inkompatibel mit den Wünschen aller anderen Akteure.

Standard: Zuletzt hatten Islamisten oft dort Erfolge, wo es ein Machtvakuum gab. Reicht das als Erklärung für die jüngsten Fortschritte?

Hegghammer: Es ist nicht so sehr ein Vakuum als geschwächte Regierungen. Es geht um die Schwächung der repressiven Möglichkeiten mehrerer arabischer Länder. Das hat den Gruppen Raum geboten, sich aufzubauen.

Standard: Geht es auch um Akzeptanz in der Bevölkerung?

Hegghammer: Sie sind darum bemüht. Sie versuchen, die Leute nicht zu sehr zu verschrecken. Das Produkt, das sie verkaufen - ein islamischer Staat mit strengen moralischen Regeln - ist ja nicht sehr attraktiv. Was sie aber anbieten können, ist zumindest der Eindruck, dass sie weniger korrupt sind als ihre Vorgänger. Die Menschen tauschen dann Freiheit in der moralischen Sphäre gegen Sicherheit und weniger Korruption.

Standard: Wie finanzieren sich solche Gruppen?

Hegghammer: Ich glaube nicht, dass Gruppen wie Isis staatlich unterstützt werden. Aber Teile der Elite, etwa konservative Geschäftsleute am Golf, spenden für sie. Für Aqim ist es auch Lösegeld von Entführungen, anderswo regionale Schutzgelder. Aber das sind keine sehr teuren Operationen. Man kommt mit lokaler Geldbeschaffung und privaten Spenden ziemlich weit. (Manuel Escher, DER STANDARD, 16.6.2014)

foto: christian vinculado tandberg/
Thomas Hegghammer (37) ist Experte für militanten Islamismus und Direktor des Norwegischen Forschungsinstituts für Verteidigung. Er ist Autor mehrerer Bücher zu diesem Thema.
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