Wiener Eislaufverein: Dem Hochhaus einen Riegel vorschieben

Kommentar der anderen15. Juni 2014, 16:44
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Die vorliegenden Pläne für das Areal des Wiener Eislaufvereins verfehlen das Ziel, einen lebendigen städtischen Raum zu schaffen. Nicht die Höhe des Wohnturms ist das Problem, sondern die fehlende Einbindung in die Umgebung

Wien - Gegen dieses Siegerprojekt kann man eigentlich nichts haben, dachte man sich beim Besuch der Ausstellung der Wettbewerbsarbeiten zum Areal Hotel Intercontinental / Wiener Eislaufverein / Konzerthaus. Scheinbar bleibt alles beim Alten, nur der T-Trakt der Hochhausscheibe wird etwas höher erneuert, sodass es im ersten Moment gleichgültig erscheint, ob das Projekt realisiert wird oder nicht. Eine für Wien typische Lösung, bei der - wie fast immer - ein Vorschlag ausgewählt wird, von dem man annimmt, dass er den geringsten Widerstand zur schnellstmöglichen Verwertung des Areals hervorruft.

Doch trotz der scheinbaren Beibehaltung des derzeitigen Zustandes und der wirklich umfangreichen Vorarbeiten mit kooperativen Verfahren und Wettbewerb ist die Akzeptanz des vorliegenden Entwurfes offensichtlich so gering, dass jetzt seitens des Eigentümers wieder von "offenen Baustellen hinsichtlich Organisation und Gestaltung" gesprochen werden muss. Man könnte spekulieren, dass es gerade die Gleichgültigkeit ist, die das Projekt beim Betrachter auslöst, die eine dumpfe Unzufriedenheit hinterlässt.

Häuser sprießen von selbst

Bereits bei einer Diskussionsveranstaltung im Vorfeld konnte der Eindruck entstehen, dass auf diesem Areal Hochhäuser als "generische Volumen", angetrieben von der ungebändigten Dynamik der Wirtschaft, gewissermaßen von selbst aus dem Bauplatz sprießen und es sich bei diesem Bautyp um eine Art unheilbarer Rentabilitätsgeschwulst handeln muss, die Symptom einer bereits austherapierten traditionellen Stadtgestalt ist. Tatsächlich fragt man sich, was der Stadt eine Zustimmung zu der im Siegerprojekt vorgeschlagenen Hochhauswidmung bringen sollte, außer der vom Investor gewünschten Nutzfläche.

Man könnte dahinter einen denkmalpflegerischen Ansatz vermuten, der die Scheibe des Hotels Intercontinental als Zeugnis der Nachkriegsmoderne erhalten möchte. Da das Projekt aber vorsieht, sowohl die Fassade als auch den Baukörper durch Aufstockungen, Verlängerung und Abtragen des T-Traktes zu verändern, führt diese Sicht, wie so oft in Wien, nicht über eine nur scheinbare Erhaltung, eine Art denkmalpflegerischer Selbsttäuschung, hinaus.

Wie die Jury anmerkt, wird der Turm mit der bestehenden Scheibe ein modernes Hochhausensemble entstehen lassen. Wirklich modern ist das Projekt jedoch nicht, denn die sozial engagierten Architekten der frühen Moderne wollten mit der Anordnung von Hochhäusern keineswegs die Zustände von New York nachahmen, sondern durch das Verdichten in der Höhe zusätzlichen öffentlichen Raum schaffen, der die als unmenschlich empfundenen Korridorstraßen der Stadt des 19. Jahrhunderts mit großzügigen durchgrünten fließenden Räumen ersetzen sollte. Doch davon ist heute bloß die polemische Negation der Stadt des 19. Jahrhunderts übriggeblieben. Auch das projektierte Hochhausensemble verweigert sich einem Bezug zur dort bestehenden urbanen Struktur und schafft auf dem Areal nur ein übermächtiges Gegenüber zu den Kultureinrichtungen Konzerthaus und Akademietheater, die eigentlich der Schwerpunkt des Baublocks sein sollten.

Es geht nicht um die Höhe

Das Projekt verbessert sich daher nicht, wenn man - wie die meisten Entwürfe - das Hochhaus in größtmögliche Distanz zum Konzerthaus bringt, oder wenn man mit der erhobenen roten Karte des Weltkulturerbes die Höhe des Turms numerisch diskutiert und fünf, zehn oder 20 Meter abschneidet. Das Hochhaus müsste einerseits moderner aufgefasst werden, um den öffentlichen Raum zu vergrößern, und es müsste paradoxerweise gleichzeitig traditioneller, als städtebauliche Dominante, gesehen werden, um die in dieser Zone sonst vorherrschenden traditionellen Kompositionsprinzipen, wie Axialität und Symmetrie aufzunehmen.

Auch um den öffentlichen Raum wird die Diskussion in Quadratmetern geführt. Es ist auffällig, dass die Mehrzahl der Projekte das Areal zur Lothringerstraße öffnen und scheinbar die Eisfläche als Fortsetzung der Parkanlage Beethovenplatz sehen. Diese ist in Relation zum überbreiten Straßenraum der Lothringerstraße jedoch nur ein Beserlpark und wird durch das fehlende Gegenüber noch mehr geschwächt. Was hier entstehen würde, wäre kein großzügiger Platzraum, sondern eine Art zweiter "Karlsplatz" - und der ist ja bekanntlich kein Platz, sondern eine Gegend. Die Eisfläche, die hier in den Projekten immer wieder angeordnet bleibt, ist zudem kein städtischer Raum, sondern eine privat vermietete Fläche, eine Barriere, die das Areal absperrt, ohne es räumlich zu begrenzen. Besser wäre es umgekehrt: Der Straßenraum sollte geschlossen werden, die öffentliche Durchgängigkeit vom Beethovenplatz zum Heumarkt aber großzügiger hergestellt werden.

Problemzone im Südosten

Die Stadt Wien müsste weniger ein Interesse an Flächenzahlen haben, als mit dem Projekt Impulse für die Umgebung zu setzen. Wo könnten sie liegen und was müsste die Stadt selbst dazu tun? Im Südwesten befindet sich das Konzerthaus, das selbst ein Magnet ist. Im Nordwesten liegt die Ringstraßenzone, die keinen Impuls braucht, im Nordosten ist der Stadtpark. Einzig im Südosten schließt am Heumarkt das Quartier Lagergasse/Ölzeltgasse/Traun- gasse an, das durch die Topografie bedingt von Absturzsicherungen eingezäunt ist. Es wäre besser, der neue Komplex würde sich dahin öffnen und das Quartier beleben. Der Heumarkt würde in dieser Zone für den Durchgangsverkehr am besten gesperrt und als öffentlicher Freiraum umgenutzt.

Leider sind in Wien die Verfahren für die wichtigsten Projekte, zum Beispiel auch für das Parlament oder das Gebäude des ORF, nur mehr scheinbar offen, und man schützt sich durch unangemessene Auflagen und/oder direkt durch eine Vorauswahl der Teilnehmer vor einer breiten Diskussion. Um diese Praxis zu unterlaufen, ist eine Skizze beigegeben. Nach den 51 in der Broschüre publizierten Varianten ist der geneigte Leser nunmehr selbst gefordert, die Breitseiten seiner Kritik auf die Unzulänglichkeiten dieser hier vorgelegten 52. Baukörperskizze abzufeuern. (Gerhard Vana, DER STANDARD, 16.6.2014)

Gerhard Vana (geb. 1961) ist Architekt und Gerichtssachverständiger in Wien.

  • So könnte eine Bebauung aussehen: Hochhaus neben dem Konzerthaus, Grünfläche auf dem Heumarkt.
    illustration: varna

    So könnte eine Bebauung aussehen: Hochhaus neben dem Konzerthaus, Grünfläche auf dem Heumarkt.

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