Italienische Hydra, englische Starre und ein Flashmob

Analyse15. Juni 2014, 14:42
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Die Strukturanalyse weist eine spielerische Dominanz der Italiener auf sämtlichen Ebenen im Duell mit England aus

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Die Zahl der Pässe im Zeitverlauf (pro fünf Minuten)

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Die Strukturanalyse weist die spielerische Dominanz der Italiener auf sämtlichen Ebenen aus. Das Passnetzwerk spiegelt in aller Deutlichkeit jene kontrollierte Schnörkellosigkeit wider, die während der gesamten Spieldauer vom zentralen Mittelfeld mit de Rossi, Pirlo und Verratti/Motta ausstrahlte.

Ausgehend von dieser stetig pulsierenden Taktmaschine variierte das Spiel zwischen abwartendem Zirkulieren und präzisen Vorstößen über die Flügelspieler in Richtung Mittelstürmer Balotelli, der seine spielerischen Fähigkeiten erstaunlich mannschaftsdienlich einsetzte.

Abgesehen von wenigen schwachen Augenblicken trotzten die Azzurri der kräfteraubenden Schwüle mit einer hochkonzentrierten Performance, die sich in Beziehungsstrukturen von verblüffender Regelmäßigkeit manifestierte. Je nach Bedarf interpretierte die Squadra die taktische 4-1-4-1-Grundordnung entweder als dichten Riegel vor dem eigenen oder aber als quirligen Flashmob vor dem gegnerischen Strafraum. Wie beim neu formierten niederländischen Team scheint sich auch bei den Italienern ein dynamisches Gleichgewicht zwischen einer Achse unhintergehbarer Erfahrung (Chiellini, de Rossi, Pirlo) und einer Achse anschlussfähiger jugendlicher Unerschrockenheit (Darmian, Verratti, Balotelli) zu einer gefährlichen Gang verschworen zu haben.

Das englische Team befindet sich in einem vergleichbaren Stadium des Übergangs, wenn man die Mischung aus Routiniers (Cahill, Gerrard, Rooney) und Talenten (Henderson, Sterling, Sturridge) betrachtet. Gegen Italien gelang es den Engländern allerdings nur selten, ihr vorhandenes Potenzial aus Schnelligkeit (Wellbeck), Spielwitz (Sterling) und Wucht (Rooney) auch nur in Ansätzen auszuspielen. Das Passnetzwerk weist deutliche Merkmale einer eher wirren, reaktiven Struktur auf. Zu oft verebbte der konstruktive Spielaufbau irgendwo zwischen zentralem Mittelfeld und den offensiven Kräften. Die tendenzielle Erstarrung des englischen Kaninchens vor der italienischen Hydra dokumentierte sich auch in der für englische Verhältnisse ungewohnten Zurückhaltung im Zweikampfverhalten.

(Helmut Neundlinger / Umsetzung für derStandard.at: Florian Gossy und Markus Hametner, 15.6.2014)

DIE ANALYTIKER: FASresearch mit Sitz in Wien und Brüssel war bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 sowie bei der EM 2008 und 2012 im Einsatz und beobachtet exklusiv für den Standard auch Österreichs Qualifikationsspiele. Team: Ruth Pfosser, Helmut Neundlinger, Wolfgang Streibl, Harald Katzmair, Agnes Chorherr und Andreas Scheicher

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