Wege aus dem Frauenhass in Indien

15. Juni 2014, 13:08
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Laut dem Bericht der UN-Sonderberichterstatterin über Gewalt an Frauen, Rashida Manjoo, werden Inderinnen "vom Mutterbauch bis zum Grab“ unterdrückt und diskriminiert

Dass Frauen in Indien vielfach massiver Gewalt ausgesetzt sind, dass ihre Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wurde der Weltöffentlichkeit in den vergangenen Monaten in Form einer Art fortgesetzter Schocktherapie bewusst. Der Nachricht über die Massenvergewaltigung einer Studentin in einem Bus in Delhi im Dezember 2012,  die den Tod der Frau zufolge hatte, folgte eine Reihe ähnlicher Berichte.

Und nachdem unlängst zwei junge Mädchen, fast Kinder noch, aus der niedrigen Kaste der Dalit auf einem Mangobaum erhängt gefunden wurden, auf den sie, noch lebend, geknüpft worden waren, nachdem Männer höherer Kastenzugehörigkeit sie vergewaltigt hatten, wurde vor wenigen Tagen ein weiterer, offenbar ähnlicher Fall bekannt.

Endemische Verbrechen

Da davon auszugehen ist, dass derlei Verbrechen in Indien keineswegs neu, ja, dass sie endemisch sind, ist bemerkenswert, dass bisher Verschwiegenes hier nun zumindest aufgezeigt wird. Das kann vielleicht als Ausdruck eines gesellschaftlichen Aufbruchs in Indien gesehen werden – sicher aber als Zeichen, dass die dortigen Medien die Realitäten heute besser abbilden als in der Vergangenheit.

Um die Chance auf Veränderung zu nutzen, sollte mit derlei Berichterstattung fortgefahren werden: Die brutalen Symptome der Unterwerfung indischer Frauen durch selbstverständlich erscheinende Vorrangigkeit der Männer, der Hass auf Frauen und die Verachtung ihnen gegenüber muss erst in aller Breite wahrgenommen werden, um sie in der Folge politisch ernst zu nehmen - und wirksame Maßnahmen gegen sie zu ergreifen.

Ablehnende Stellungnahme

Hier kann der Indien-Bericht Rashida Manjoos, der UN-Sonderberichterstatterin über Gewalt gegen Frauen, einiges beitragen: ein 22-seitiges Dokument über die Ursachen, das Ausmaß und die Folgen dieser genderspezifischen Gewalt in dem 1,2-Milliarden-Einwohner-Staat, der auf Besuchen Manjoos im April und Mai 2013 basiert.

In Reaktion darauf hat Indien eine Stellungnahme abgefasst, in der der Berichterstatterin Parteilichkeit vorgeworfen wird: Wohl auch eine Abwehrreaktion, denn die geballte Zusammenfassung der Härten und Brutalitäten, denen Frauen in Indien ausgesetzt sind, ist erschreckend – gerade wegen ihres sachlichen Tons.

Absurde Kritik

Manjoo, eine südafrikanische Juristin, beschreibt ein ganzes Kaleidoskop frauenfeindlicher und frauenverachtender Praktiken und Traditionen – und sie macht Vorschläge für menschenrechtskonforme Änderungen und Verbesserungen. Dass solche in früheren Jahrzehnten, und heute leider immer noch,  von einzelnen Vertretern entwicklungspolitisch engagierter Kreise als "westlich“, "imperialistisch“ und für andere Kulturen unpassend bezeichnet wurden, erscheint im Lichte dieses Berichts fast absurd.

Laut Manjoo ist ein Großteil der indischen Frauen "vom Mutterbauch bis zum Grab“ Unterdrückung  und Gewalt ausgesetzt. Das beginnt mit der Ablehnung von Mädchengeburten, die auch in mancher europäischen Gesellschaft  noch offen bis unterschwellig existiert.

Immer weniger Mädchen

Aber nicht mit Auswirkungen wie in Indien, wo sich - wie Manjoo den Geburtsstatistiken entnimmt – das Zahlenverhältnis zwischen Mädchen- und Bubengeburten von 962 Mädchen zu 1000 Buben im Jahr 1981 auf 914 Mädchen zu 1000 Buben im Jahr 2011 verändert hat. Wohlhabendere Inderinnen würden Mädchen systematisch abtreiben, vielfach würden sie von Ehemännern und Verwandten dazu gezwungen, schreibt die UN-Sonderberichterstatterin. Zuletzt hatte es auch Berichte über die Tötung weiblicher Babies gegeben.

Habe ein Mädchen dann das heiratsfähige Alter erreicht – das trotz gesetzlicher Maßnahmen gegen Kinderheiraten in Indien im Durchschnitt immer noch sehr niedrig sei -, so gilt es laut Manjoo für die Familie als große Last: Wegen der Mitgift, die aufgebracht werden muss. Falle diese laut der Angehörigen des Ehemannes zu niedrig aus, seien die betroffenen Ehefrauen massiven Belästigungen ausgesetzt. Das könne bis zum Ausgesetzt-Werden und zum Mord gehen.

Säureattacken, Vergewaltigung

Jene Mädchen und Frauen wiederum, die sich den Härten widersetzten – oder über die dies behauptet werde – riskierten Säureattacken durch in ihrer "Ehre“ verletzte männliche Familienmitglieder. Danach fristeten sie entstellt ein Leben als Außenseiterinnen. Überhaupt seien Frauen in Indien in ihrer Sicherheit in hohem Maß bedroht, sobald sie sich in der Öffentlichkeit zeigen: nur ein Bruchteil der stattfindenden Vergewaltigungen werde angezeigt – und in der Folge seien die Richter oft auf der Seite der Täter.

Was beim Lesen dieses Berichts nachdenklich stimmt, ist der Umstand, dass derlei Frauenverachtung wohl auch in einer Reihe anderer Staaten dieser Erde anzutreffen ist – wenn auch traditionell vielleicht anders ausgeprägt. Im Unterschied zu Indien wird über diese Verwerfungen, die die Gesellschaft grundlegend spalten, aber meist nicht offen diskutiert. Das ist ein großes Problem. (Irene Brickner, derStandard.at, 15.6.2014)

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