Bahnstreik bedroht Matura in Frankreich

15. Juni 2014, 12:28
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Ein bald einwöchiger Bahnstreik sorgt für  Wirtschaftsschäden. Dafür dürfen hunderttausende von Maturanden zu spät zur Prüfung erscheinen

Das meist gehörte Wort in Frankreich heißt derzeit "la galère". Damit ist nicht etwa eine Rudergaleere gemeint, sondern die Mühsal für viele der 64 Millionen Einwohner. Schuld ist ein Eisenbahnstreik, den die Gewerkschaften am Dienstag vom Zaun gebrochen haben, um gegen eine Bahnreform der Regierung zu protestieren. Die Staatsbahn SNCF rechnete zuerst mit einem 24-stündigen Ausstand. Doch dann beschlossen die beiden radikalsten Organisationen der Eisenbahner, die CGT und Sud, die unbefristete Fortsetzung.

Um Paris werden morgens über 300 Kilometer Verkehrsstau gemessen. An normalen Tagen entsteht auf den Einfallachsen der Hauptstadt nicht einmal die Hälfte der kumulierten Kolonnenlänge. Betroffen ist der Fern- wie der Nahverkehr. TGV-Linien funktionieren in etwa zur Hälfte, die Pariser S-Bahn RER zu einem Drittel. Auf vielen Bahnsteigen warten die gedrängt stehenden Pendler stundenlang auf einen Zug; manchmal kommt er, manchmal nicht. "Ça suffit!", titelte das Lokalblatt Le Parisien in fetten Lettern: Es genügt!

Hundert Millionen Euro Schaden am Tag

Der nationale Verband der Klein- und Mittelunternehmen beziffert den gesamtwirtschaftlichen Schaden auf „mehrere hundert Millionen Euro am Tag“. "Die Streikenden zögern nicht, Millionen von Erwerbstätigen als Geiseln zu nehmen und kleinere Unternehmen zu schwächen", protestierte der Verband.

Ernsthaft bedroht ist ab Montag die Matura, das so genannte "Bac". 480 000 Absolventen des letzten Mittelschuljahres sind landesweit zur gleichen Zeit und für die gleichen Aufgaben und Themen aufgeboten. Bisher galt eine eiserne Regel: Nach dem Schellen der Uhr um acht Uhr morgens gibt es in die Schulzimmer keinen Zutritt mehr, um Mogeleien zu verhindern. Nun erklärte Bildungsminister Benoît Hamon jedoch, wer bis zu eine Stunde zu spät komme, dürfe dennoch an den Prüfungen teilnehmen. Wer noch später eintreffe, könne je nach Begründung mit der Streiklage ebenfalls damit rechnen, dass der Lehrer beide Augen zudrücke. Zudem will die Regierung 10 000 freiwillige Bahnangestellte aufbieten, um die Durchführung der Bac-Prüfungen zu gewährleisten.

Bahnreform

Stein des Anstoßes ist die strittige Bahnreform, die am Dienstag vors Parlament kommen soll. Ihr Kernpunkt ist die Verschmelzung der Bahn SNCF und des Schienennetzes RFF. Die beiden Sparten waren 1997 auf Anordnung der EU getrennt worden. Der finanzielle Gewinn blieb indessen aus: Die Schulden von RFF sind seither von 20 auf 44 Milliarden Euro gewachsen. Auch agieren die beiden Einheiten heute öfters aneinander vorbei. So bestellte die SNCF unlängst Züge, die nicht in gewisse Bahnhöfe passen.

Die Gewerkschaften befürchten generell, dass die Bahnreform den Spardruck verstärken könnte. Sie verlangen deshalb, dass die RFF-Schulden vom Staat übernommen werden. In der aktuellen Lage der Staatskasse ist dies aber illusorisch.

Präsident François Hollande wird langsam nervös, da der Streik die ohnehin gespannte Wirtschaftslage noch zu verschärfen droht. "Der Streik ist nicht nötig", meinte er relativ hilflos, während die Bahngewerkschafter die Arme verschränkt halten. (Stefan Brändle aus Paris, derStandard.at, 15.6.2014)

  • Nix geht mehr auf Frankreichs Bahnhöfen.
    foto: reuters/christian hartmann

    Nix geht mehr auf Frankreichs Bahnhöfen.

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