"Nach dem Krieg ist das der einzige Erfolg für uns“

15. Juni 2014, 11:25
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Die Bosnier erhoffen sich von der WM mehr Einigkeit in dem zerrissenen Staat

Auf der Zuschauerbank in dem Fußballzelt inmitten der Sarajevoer Innenstadt haben ganz verschiedene Leute Platz genommen. Familienväter, die ihre Söhne auf dem Schoß sitzen haben und sie zärtlich in die Welt des Fußball einführen, Freunde, die sich schon seit ewig kennen, und ganz junge Männer, für die dieses Ereignis identitätsstiftender ist als alles, was sie zuvor erlebt haben.

„Es bedeutet alles für uns, dass Bosnien-Herzegowina an der WM teilnimmt“, sagt etwa der Politikwissenschaftsstudent Benjamin Kulo. „Wir haben 18 Jahre darauf gewartet“ meint der 18-Jährige, so als hätte er zugleich mit seinem Staat endlich die Reifeprüfung bestanden. „Diese WM vereinigt uns als Nation“, meint er. „Denn nun wissen mehr Leute über uns, und das gibt uns mehr Anerkennung, und die Leute sehen, dass es hier gar nicht so schlimm ist.“

Heikles Thema

Herr Kulo sagt etwas, was viele hier in Sarajevo denken: Mit der erstmaligen Teilnahme an einer Fußball-WM erhoffen sie sich mehr Einheit und Identifikation aller Bosniern mit ihrem Staat. Das Thema ist aber heikel. Denn sie wissen, dass sich nicht alle hier mit dem bosnischen Team identifizieren, sondern dass sich in der Nähe und in der Distanz zu den bosnischen Spielern auch der bosnische Konflikt widerspiegelt, obwohl das Team „multiethnisch“ ist. Kulos Freund Muris P., der 19 Jahre alt ist, findet aber sogar, dass die Qualifikation von Bosnien-Herzegowina „ein Erfolg gegen diese inneren Feinde des Staates ist“.

Weil Bosnien-Herzegowina nach wie vor mit starker innerer Zerrissenheit zu kämpfen hat, ist das Dabeisein bei der WM für viele Bosnier jedenfalls das wichtigste Ereignis seit Ende des Kriegs.

Identitätsspiel

Und wie immer in Bosnien-Herzegowina spielen auch in diesem Identitätsspiel, das parallel zum Fußballspiel in den Köpfen der Menschen stattfindet, die beiden Nachbarländer eine tragende Rolle. Weil Serbien sich nicht qualifiziert hat, würden sich viele Leute in dem mehrheitlich von Serben bewohnten bosnischen Landesteil Republika Srpska (RS) doch auch mit dem bosnischen Team identifizieren, glauben die Jugendlichen in dem Fußballzelt. „Mehr als in Mostar, denn da identifizieren sich die Kroaten mit der kroatischen Nationalmannschaft.“ Und die hat sich ja qualifiziert.

Obwohl die jungen Bosnier dann irgendwie in ihrem Herzen auch wieder „Jugoslawen“ sind. „Natürlich haben wir für die Kroaten gehalten“, sagt etwa Kulo. „Unser erstes Team sind die Bosnier, aber unser zweites ist Kroatien“, erklärt er seine Vorliebe für die Region.

Sieg schon vor dem Spiel

Kulo findet es überhaupt zweitrangig, ob Bosnien-Herzegowina gegen Argentinien, den Iran und Nigeria gewinnen wird. Er weiß, dass die Chancen, insbesondere gegen den Ex-Weltmeister, gering sind. „Für mich ist es so, als ob die Bosnier bereits gewonnen haben, weil sie überhaupt dabei sind“, sagt er. Er hofft, dass die "Zmajevi" (Drachen) gegen die Argentinier zumindest so verlieren „wie die Kroaten gegen die Brasilianer, nämlich dass sie sie dazu bringen, dass sie kämpfen müssen."

Viele Bosnier meinen, dass ihr Team genau deswegen, weil es das erste Mal dabei ist, unterschätzt werden könnte. Für Kulo sind die „90 Minuten, die wir da haben werden, aber in erster Linie eine Zeit, die nur uns gehört und wo es einmal nicht um die Arbeitslosigkeit und um die Armut bei uns geht“. 90 Minuten für ein wenig bosnischen Stolz also.

"Fußball statt Politik"

Auch der 29-jährigen Staatsanwalt Feda Tihić findet es eine riesige Entlastung, dass „dieser Monat nur dem Fußball und nicht der Politik gehört“. Auch er wäre schon zufrieden, wenn Bosnien-Herzegowina gegen Argentinien halbwegs mithalten kann. Und auch der Staatsanwalt ist sich im Klaren, dass es Bosnier gibt, die nicht zum bosnischen Team halten.

Er habe aber aus Banja Luka, der zentralen Stadt der RS, gehört, dass es dort ein Café gebe, wo der Wirt für jedes Tor, das das bosnische Team schießen würde, ein Freibier ausgebe. „Die identifizieren sich dort jetzt mehr mit Bosnien-Herzegowina“, meint er. Die Teilnahme an der WM sei jedenfalls „alles für unser Land“. „Nach dem Krieg ist das der einzige Erfolg für uns“, so Tihić.

Das Interesse am Team steigt

„Die stetig bessere Performance des ethnisch gemischten Teams hat offensichtlich zu einem Wiederaufleben des Gefühls einer gemeinsamen kulturellen Identität im Land geführt“, meint auch der politische Analyst Srećko Latal. „Während viele bosnische Kroaten und Serben in erster Linie für die kroatischen und serbischen Nationalteams mitfiebern, gibt es Tag für Tag mehr Leute in Bosnien-Herzegowina und in der Region, die den Matches des bosnischen Teams folgen und sie genießen“, so Latal zum STANDARD.

In jüngster Zeit hätten auch die Hochwasser auf dem Balkan dazu beigetragen, dass die Leute sich jenseits von Religion oder Ethnizität solidarisch gezeigt haben. Deswegen würden nun auch viele Leute in Serbien die Bosnier anfeuern. Latal meint, dass dies auch als Beispiel für Politiker dienen sollte, „die heute noch immer versuchen, engherzige Punkte mit nationalistischer Rhetorik und radikalen Kampagnen zu machen“. Auch der Student Kulo hat diese Haltung in der Region bemerkt: „Die in Serbien hassen uns nicht“, sagt er. „Die feuern uns jetzt an.“

„Ich weiß nicht, ob die Serben sich mit dem Team identifizieren, aber sie sollten Bosnien-Herzegowina unterstützen, denn es ist ihr Land“, meint wiederum der 18-jährige Gymnasiast Amer R., der mit vier seiner Freunde auf der Tribüne in dem Fußballzelt sitzt, während es draußen fürchterlich regnet. Der Frauenanteil liegt hier bei vielleicht zehn Prozent. Ein paar Kellnerinnen in Fußballstutzen versuchen Lose zu verkaufen.

Džeko ist die Nummer eins

Amer ist natürlich ein Džeko-Fan, wie alle hier. Edin Džeko, der für Manchester City spielt, ist im Sarajevoer Club FK Željezničar Sarajevo groß geworden. Die Bosniern haben Džeko auch die Qualifikation zu verdanken, zu der er zehn Treffer beisteuerte. Er war damit nach Robin van Persie der zweitbeste Torschütze der europäischen Verbände. Der Spieler-Star ist noch dazu aus Sarajevo und ein richtiger „Held der Stadt“.

Amer R. betont, dass viele Spieler des Nationalteams aus der bosnischen Diaspora stammten und gar nicht im Land geboren seien: Sead Kolašinac kam etwa in Karlsruhe auf die Welt und steht bei Schalke unter Vertrag. Izet Hajrović ist in der Schweiz geboren und spielte auch schon für die Schweizer Nationalmannschaft. Vedad Ibišević wiederum hat auch die amerikanische, Miralem Pjanić die luxemburgische Staatsbürgerschaft. Emir Spahić ist überhaupt im kroatischen Dubrovnik geboren, sein Kollege Mensur Mujdža kam in Zagreb zur Welt.

Berühmt ist auch der Trainer. Safet Sušić war einer der besten jugoslawischen Spieler überhaupt und jahrelang der große Star von Paris Saint-Germain. (Adelheid Wölfl, derStandard.at - 15.6. 2014)

  • Bosnische Anhänger beim Training ihres Teams im Maracanã.
    foto: apa/epa

    Bosnische Anhänger beim Training ihres Teams im Maracanã.

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