Afghanistan: 250 Tote am Wahltag

15. Juni 2014, 11:14
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Präsidenten-Stichwahl mit hoher Beteiligung trotz Taliban-Terrors

Kabul/Neu-Delhi - "Heute ist unser Tag. Heute ist Afghanistans Tag", sagt Abdullah Abdullah, als er seinen Stimmzettel in die Wahlbox wirft. Der 53-Jährige im westlichen Anzug lächelt entspannt. Noch 2009 hatte der Ex-Außenminister gegen Hamid Karsai den Kürzeren gezogen. Im zweiten Anlauf hat er gute Siegeschancen. Sieben Millionen Afghanen trotzten am Samstag den Taliban und riskierten ihr Leben, um einen neuen Präsidenten zu wählen.

Bei der Stichwahl trat Abdullah gegen Ex-Finanzminister Ashraf Ghani an. Die Abstimmung war von Gewalt überschattet. Bei Anschlägen, Angriffen und Gefechten starben rund 250 Menschen. In Herat schnitten die Taliban mindestens elf Männern den mit Wahltinte markierten Zeigefinger ab. Doch das tat dem Andrang keinen Abbruch. Vor vielen Lokalen bildeten sich lange Schlangen. Es war ein millionenfaches Votum für Frieden, gegen Terror.

Knapper Ausgang erwartet

Die Beteiligung lag wie bei der ersten Runde bei fast 60 Prozent, 38 Prozent waren Frauen. Der Sieger löst Präsident Karsai ab, der nach über zwölf Amtsjahren nicht mehr kandidieren durfte. Erstmals steht somit ein demokratischer Machtwechsel bevor. Als Favorit gilt Abdullah, der am 5. April 45 Prozent geholt hatte. Ghani kam auf 31,6 Prozent. Laut Umfragen holte er aber auf. Erste Resultate werden am 2. Juli, das Endergebnis am 22. Juli erwartet. Ein knapper Ausgang könnte für böses Blut sorgen. Abdullah und Ghani erhoben bereits gegenseitige Betrugsvorwürfe.

Der neue Präsident steht vor gewaltigen Aufgaben. Wenn Ende 2014 die Nato-Truppen abziehen, ist das Land im Kampf gegen die Taliban auf sich gestellt. Auch der Wirtschaft droht ein dramatischer Einbruch. Beide Kandidaten wollen den umstrittenen Militärpakt mit den USA unterzeichnen, der den internationalen Militäreinsatz nach 2014 regelt. Washington sagte dem künftigen Staatschef Unterstützung zu.

Unterdessen flog das Militär im Nachbarland Pakistan Luftangriffe auf Taliban-Verstecke in der Provinz Nord-Wasiristan, die als Rückzugsgebiet von in- und ausländischen Extremisten gilt. Dabei wurden 100 Menschen getötet, die ein Armeesprecher als Militante bezeichnete. Es war das zweite Bombardement dieser Art binnen weniger Tage.

Das Militär reagierte damit auf einen spektakulären Angriff der Taliban auf den Flughafen von Karatschi am vergangenen Sonntag, bei dem mehr als 30 Menschen getötet wurden. Der Anschlag torpedierte Versuche von Premier Nawaz Sharif, mit den Militanten Friedensgespräche zu starten. (Christine Möllhoff, DER STANDARD, 16.6.2014)

  • Fünf Männer, denen die Taliban den markierten Wahlfinger abschnitten, nach der Behandlung in einem Spital in Herat.
    foto: epa/jalil rezayee

    Fünf Männer, denen die Taliban den markierten Wahlfinger abschnitten, nach der Behandlung in einem Spital in Herat.

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