Kiew kündigte Vergeltung für Flugzeugabschuss an

15. Juni 2014, 21:19
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49 Soldaten starben bei Angriff von Separatisten in Luhansk - USA: Moskau unterstützt Separatisten mit Panzern und Waffen

Kiew/Donezk - Die ukrainische Regierung will mit Vergeltungsaktionen auf den Abschuss eines Armeeflugzeuges durch Rebellen reagieren. Dabei waren am frühen Samstagmorgen 49 ukrainische Soldaten getötet worden. "Alle an dem zynischen Terrorakt beispiellosen Ausmaßes Beteiligten müssen bestraft werden", erklärte Präsident Petro Poroschenko nach Beratungen mit seinen wichtigsten Militärberatern.

Die Aufständischen hatten die Maschine in der Nacht beim Landeanflug auf Luhansk abgeschossen. Es ist der schwerste Schlag gegen die Armee seit dem Beginn ihrer Offensive gegen die Rebellen im Osten des Landes.

Rebellen durchsuchten Wrack

Der Truppentransporter sei am Samstag um 1.10 Uhr (Ortszeit) von einer Flugabwehrrakete getroffen worden, teilte die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft mit. An Bord hätten sich 40 Fallschirmjäger und neun Besatzungsmitglieder befunden. Das Verteidigungsministerium erklärte, es sei auch ein großkalibriges Maschinengewehr eingesetzt worden. Die Maschine vom Typ Iljuschin IL-76 habe auch Nachschubmaterial transportiert.

An der Absturzstelle des Flugzeuges in der Nähe des Dorfes Nowohanniwka lagen Trümmer über hunderte Meter verstreut in einem Weizenfeld. Eine Gruppe von Rebellen in Tarnanzügen durchsuchte die Ladung des Wracks nach Munition. "So machen wir das", sagte ein Aufständischer, der sich selbst Pjotr nannte. "Die Faschisten können so viel Verstärkung einfliegen, wie sie wollen, aber wir werden jedes Mal wieder zuschlagen." Die Bewohner der Region erklärten, die ukrainische Luftwaffe habe kurz nach Sonnenaufgang Rebellenstellungen angegriffen.

Abspaltung

Luhansk in der gleichnamigen an Russland grenzenden Region ist einer der Brennpunkte des Konflikts im Osten der Ukraine. Die Separatisten versuchen seit April, die Region von der Ukraine abzuspalten. Sie lehnen den prowestlichen Kurs der Regierung in Kiew ab und streben stattdessen nach dem Vorbild der Halbinsel Krim eine Aufnahme in die Russische Föderation an. Regierungstruppen kontrollieren zwar den Flughafen von Luhansk. In der Stadt selbst kam es aber lokalen Medien zufolge am Samstag zu Kämpfen.

Die Regierung in Kiew wirft Russland vor, die Separatisten heimlich mit Waffen zu unterstützen. Russland hat dies wiederholt zurückgewiesen. Auch eine Sprecherin des US-Außenministeriums sagte am Freitag, in den vergangenen Tagen seien sogar russische Panzer und Raketenwerfer über die Grenze geliefert worden. Sollte Russland nicht zur Entspannung der Lage beitragen, werde dies "zusätzliche Kosten nach sich ziehen", drohte das US-Außenministerium. Die NATO veröffentlichte am Samstag Satellitenaufnahmen einer Privatfirma von der Grenzregion, auf denen Panzer zu sehen sein sollen. Die Aufnahmen "werfen wichtige Fragen bezüglich der Rolle Russlands bei der Förderung der Instabilität in der Ostukraine auf", sagte ein Vertreter der Allianz.

Merkel bestürzt

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande forderten den russischen Staatschef Wladimir Putin zu effektiven Grenzkontrollen auf. Sprecher der deutschen und der französischen Regierung erklärten, Merkel und Hollande hätten in einem gemeinsamen Telefonat mit Putin ihre Bestürzung über den Flugzeugabsturz ausgedrückt. Er zeige die Dringlichkeit eines Waffenstillstands auf, den der ukrainische Präsident Petro Poroschenko angekündigt hatte. Damit dieser von Dauer sein könne, müsse Russland die Grenze zur Ukraine wirksam kontrollieren, um den Zustrom von Waffen und Kämpfern einzudämmen.

Auch EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy ermahnte Russland nach dem Abschuss des Militärflugzeugs. "Als ein Nachbarstaat trägt Russland eine Hauptverantwortung dafür, sicherzustellen, dass jegliche derartige Lieferungen und auswärtige Unterstützung über seine Grenzen hinweg sofort gestoppt werden", erklärte Van Rompuy am Samstagabend in einer in Brüssel veröffentlichten Mitteilung. Die ukrainische Regierung sei verpflichtet, die Ordnung im Land wiederherzustellen. Dies gelte, obwohl legitime Gewalt stets mit Zurückhaltung ausgeübt werden müsse. Auch UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon verurteilte den Abschuss scharf.

Russische Botschaft attackiert

Nach dem Abschuss attackierte wütende Demonstranten die russische Botschaft in Kiew. Mehrere hundert Menschen stürzten vor dem Gebäude in der ukrainischen Hauptstadt Diplomatenfahrzeuge um, bewarfen die Botschaft mit Eiern und riefen: "Faschisten!" Zudem zerstörten sie mehrere Fensterscheiben mit Steinen und rissen die russische Fahne herunter. Rund ein Dutzend Polizisten beobachteten die Szene, griffen jedoch nicht ein. Am späten Abend wurde aus der Menge ein Brandsatz auf die Botschaft geworfen. Einsatzkräfte brachten das Feuer aber schnell unter Kontrolle.

Die russische Regierung verurteilte den Angriff auf die Botschaft scharf und warf den ukrainischen Behörden "Untätigkeit" vor. Moskau sei "extrem empört über die provozierenden Aktionen" und die "Schändung" der russischen Flagge, erklärte das Außenministerium in Moskau. Die US-Regierung verurteilte den Angriff auf die russische Botschaft ebenfalls und forderte die Ukraine, die sie auf deren Westkurs unterstützt, auf, die Sicherheit der diplomatischen Vertretung zu gewährleisten.

Beweise für russische Waffenlieferungen könnten dazu führen, dass die USA und die EU neue Sanktionen gegen Russland verhängen, die diesmal ganze Wirtschaftsbereiche treffen könnten. Bisher wurden Einreiseverbote oder Kontensperrungen gegen einzelne Personen, Banken und Konzerne erlassen.

Kerry besorgt über Waffenlieferungen

US-Außenminister John Kerry äußerte sich in einem Telefonat mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow "stark besorgt" über Waffenlieferungen an ukrainische Separatisten. Er habe Moskau erneut dazu aufgerufen, die Unterstützung für die Aufständischen einzustellen und zur Beruhigung der Lage beizutragen, sagte ein hochrangiger US-Außenbeamter. Kerry habe zudem mit dem ukrainischen Regierungschef Arseni Jazenjuk gesprochen. In dem Telefonat bekräftigte der US-Außenminister nach Angaben seines Ministeriums, dass die USA und ihre G-7-Partner dazu stünden, "die Kosten für Russland zu erhöhen, wenn es den Fluss von Waffen über die Grenze nicht beendet und nicht mit den Separatisten bricht".

Die Vorwürfe gegen Russland könnten das diplomatische Klima zwischen Russland und dem Westen weiter abkühlen. Schon jetzt ist durch die Ukraine-Krise das Verhältnis so angespannt wie seit dem Ende des Kalten Kriegs nicht mehr. Verschärfen könnte sich die Lage zudem durch den nach wie vor ungelösten Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine, die noch offene Rechnungen von 1,95 Milliarden Dollar (1,44 Mrd. Euro) begleichen soll.

Am Montag läuft die Frist für eine Einigung aus. Gelingt diese nicht, will der russische Staatsmonopolist Gasprom nur noch gegen Vorkasse liefern. Es drohen Versorgungsengpässe, die auch zu Problemen in der EU führen könnten, die einen großen Teil ihres Erdgases aus Russland über Pipelines in der Ukraine bezieht. Allerdings signalisierte Gasprom Gesprächsbereitschaft. "Wir sind bereit, einen Kompromiss zu suchen", sagte ein Sprecher des russischen Staatskonzerns. Die Verhandlungen unter Teilnahme von EU-Energiekommissar Günther Oettinger wurden am Samstag allerdings ergebnislos auf Sonntag vertagt. (APA/Reuters, 14.6.2014)

  • Ein Freiwilliger des paramilitärischen Bataillon Asov vor dem Abmarsch in die Ostukraine.
    foto: ap/sergei chuzavkov

    Ein Freiwilliger des paramilitärischen Bataillon Asov vor dem Abmarsch in die Ostukraine.

  • Rebellen sammeln an der Absturzstelle Munition ein.
    foto: ap/evgeniy maloletka

    Rebellen sammeln an der Absturzstelle Munition ein.

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    foto: reuters/shamil zhumatov (
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